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Avant-garde and Ruins

Diskussion und Filmprogramm im Rahmen der Ausstellung Nikita Kadan. Project of Ruins


Dienstag, 10. September 2019 bis Mittwoch, 11. September 2019

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Ausstellungsansicht / exhibition view Nikita Kadan. Project of Ruins,  27. Juni bis 6. Oktober 2019 / June 27 to October 6, 2019, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Photo: Klaus Pichler, © mumok

Dienstag, 10. September, 19 Uhr: Diskussionsveranstaltung

Die Diskussionsveranstaltung widmet sich den politischen Paradoxa der ukrainischen Kunstgeschichte, insbesondere den Herangehensweisen an die Avantgarde und Moderne der 1910er- bis 1930er-Jahre. Mittlerweile sind Kunstgeschichtsbücher und Museumsdisplays zu regelrechten Schlachtfeldern der „Erinnerungskriege“ geworden. Ein und dasselbe Denkmal kann so als nationales Kulturerbe und zugleich als zu zerstörendes oder gemäß „Dekommunisierungsgesetz“ aus dem öffentlichen Raum zu entfernendes „Symbol des Totalitarismus“ gehandelt werden. Einerseits übt die Avantgarde als zutiefst politische Kunst nach wie vor großen Einfluss auf das kunsthistorische Narrativ aus, andererseits wird die Erinnerung an avantgardistische Praxis von der tatsächlichen Politik beeinflusst.

Teilnehmer_innen:
Nikita Kadan, Künstler
Oksana Barshynova, Kunsthistorikerin, Leiterin der Abteilung für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts des Nationalen Kunstmuseums der Ukraine
Evgeniya Molyar, Kunstkritikerin, Mitglied der Initiative DE NE DE
Stanislav Menzelevskyi (tbc), Filmwissenschaftler, Leiter der Forschungsabteilung des Dovzhenko Film Centre 

Moderator:
Rainer Fuchs, Chefkurator, mumok
 

Mittwoch, 11. September, 19 Uhr: Filmprogramm

In Zusammenarbeit mit dem Dovzhenko Film Centre in Kiew werden zwei historische Filme von Iwan Kawaleridse (engl.: Ivan Kavaleridze) gezeigt:

Perekop, 1930, (40 min), Stummfilm mit engl. Untertiteln
Prometheus, 1935, (83 min) Tonfilm mit engl. Untertiteln

Mit einer Einführung von Stanislav Menzelevskyi, Filmwissenschaftler sowie Leiter der Forschungsabteilung des Dovzhenko Film Centre in Kiew und einem anschließenden Gespräch mit Nikita Kadan


Perekop wurde anläßlich des zehnten Jahrestages des Sieges der Rotarmisten über die Weiße Armee gedreht. Der Filmtitel bezieht sich auf die namensgebende Stadt an der Landbrücke zur Krim, wo die Schlacht stattfand. Hier wurde zugleich mit dem endgültigen Sieg der roten Armee auch die Existenz der Sowjetunion proklamiert. Im Russischen besitzt „perekop“ auch die Bedeutung von Graben und Furche. Kawaleridse selbst spielt mit dieser Doppelbedeutung, wenn er den Film auf die Gräben der Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts bezieht: „In the future our life will be one single „perekope“ which we must skillfully aim towards and conquer, that is our life.“ (Kawaleridse) Bezeichnend für den Film ist die kühne Konfrontation von blockhaft statischen Bildern mit dynamischen Brüchen voller unerwarteter Perspektiven.

Prometheus (1935) ist eines der zentralen Werke der ukrainischen Filmgeschichte der 1930er Jahre. Kawaleridse erzählt darin die Geschichte seiner eigenen Familie: Ivas, ein junger Landarbeiter wird in den Krieg eingezogen und in den Kaukasus geschickt. Der Grundbesitzer zwingt indes Ivas Freundin in ein Bordell. Inspiriert vom heroischen Widerstand der Bergbewohner gegen die russische Armee, kehrt Ivas an seinen Geburtsort zurück und zettelt dort eine Rebellion an. Nach der Aufführung des Films brandmarkten die Vertreter des stalinistischen Regimes den Künstler als geschichtsverfälschenden Formalisten und verwehrten ihm für zwanzig Jahre die Fortsetzung seiner filmischen und pädagogischen Aktivitäten.

Iwan Kawaleridse (Ivan Kavalderidze) (1887–1978)
1907 bis 1909 Studium an der Kiewer Kunstschule, 1909 bis 1910 an der Kaiserlichen Akademie de Künste in Sankt Petersburg, 1910/1911 Studium am Privatatelier von Naum Aronson in Paris. Erste Filmarbeiten 1911. Von 1928 bis 1941 als Künstler, Autor und Regisseur in den Filmstudios von Odessa und Kiew tätig. Von 1957 bis 1962 Regisseur im Dovzhenko Film Centre in Kiew. Nach der Oktoberrevolution aktiv bei der Umsetzung von Lenins Plan der monumentalen Propaganda beteiligt und mit zahlreichen Denkmälern in der heutigen Ukraine beauftragt.

 

Freier Eintritt