Freitag, 5. Juni 2026, 19 bis 20.30 Uhr
Tolia Curriculum
Julia Boog-Kaminski, Der Kronos-Komplex: Das Kind und die Zeit
Die Wissenschaftlerin Julia Boog-Kaminski betrachtet das Kind als Figur kultureller Fantasie – als einen Ort, an dem Begehren, Angst und Projektion zusammenfallen. Sie stützt sich dabei auf wiederkehrende Erzählungen der griechischen Mythologie.
Erst ist es Uranos, der Himmelsvater, der seine Nachkommen im Mutterschoß von Gaia, der Erde, einschließt. Danach ist es sein Sohn Kronos, der seine Kinder verspeist. In diese mythische Genealogie ist ein Komplex eingeschrieben, der sich durch viele Jahrhunderte westlicher Kulturgeschichte zieht und immer die Auslöschung der jüngeren Generation meint. Der Philosoph Hans Blumenberg fasst ihn als „Pathologie des Zeitbezugs“: Anbetracht zweier Weltkriege, in der Millionen Kinder und junge Menschen ihr Leben verloren, spricht er von dem großem „Ärgernis, daß die Welt über die Grenzen der eigenen Lebenszeit hinweg unberührt fortbesteht.“ Der Mensch ist also ein grundlegend Zukurzgekommener, einer der den Anderen ihre Zeit missgönnt – besonders den Kindern, denen die Zukunft gehört. Der Vortrag möchte ausloten, was das für unsere Gegenwart bedeutet: Was passiert, wenn wir annehmen, dass die Auslöschung der Nachkommenschaft nicht gegen die menschliche Natur verstößt, sondern direkt in ihr Zentrum führt?
Dr.in Julia Boog-Kaminski ist stellvertretende Direktorin am ifk, Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Gräzistik, promovierte sie in Hamburg mit einer Arbeit zum Witz der Differenz in der interkulturellen Literatur. Zurzeit arbeitet sie an einer Habilitation mit dem Titel: Kinderfressen – Eine Urphantasie. Dieses Projekt bereitet die jahrhundertelange Motivgeschichte des Kinderfressens in der Kinder- und Jugendliteratur sowie in Mythen, Sagen, Märchen und der bildenden Kunst auf. Darüber hinaus hinterfragt es etablierte Paradigmen der Psychoanalyse.
Der Vortrag findet auf Deutsch statt.
Tolia Curriculum ist ein von der georgischen Künstlerin Tolia Astakhishvili entwickeltes Programm, das sich als tägliche Abfolge von Workshops, Vorträgen, Lesungen, Filmvorführungen und partizipativen Formaten für Kinder und Erwachsene entfaltet. In Vorbereitung auf ihre bisher größte Ausstellung, Figure of the Child, entwickelt Astakhishvili ihre Arbeit vor Ort und macht dabei die Produktions- und Aufbauphase für die Öffentlichkeit zugänglich.
Bild
Tolia Astakhishvili, Tolia Curriculum, 2026, courtesy of the artist
Design: Syndicat