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Queer_feministisch Betrachtet zum Internationalen Frauen*tag am 8. März 2024

Mit Sternen wird mehr Gerechtigkeit möglich

Frauentag 2024

Sprache ist nicht fixiert. Heute gelten andere Regeln als vor 100 Jahren, vor 20 Jahren, als vor einem Jahr. Wörter wandern, neue Begriffe entstehen. Durch beständiges Wiederholen werden Wörter mit Bedeutungen versehen. Sprache ist wandelbar, denn hier ereignen sich Verschiebungen. Begriffe werden in immer neuen Kontexten verwendet.

Sprache kann auch gewaltförmig und/oder ausschließend sein – Benennungen und Sprachmuster können stigmatisieren, stereotypisieren, diskriminieren – unabhängig von der Absicht. Queer_trans_black_crip_Feminist*innen und/als Aktivist*innen gegen Diskriminierungen (z. B. Sexismus, Homophobie, Heteronormativität, Transfeindlichkeit, Rassismus, Ablismus – also Diskriminierungen von Menschen mit Be_hinderung – und Klassismus) analysieren und kritisieren (auch den eigenen) Sprachgebrauch und verhandeln und entwickeln Begriffe und Sprachregeln.

© Mikki Muhr

Aktuell werden Asterisk (*) oder Unterstrich (_) verbreitet verwendet. Dazu schreibt das minihandbuch Diversity: „Wir nutzen den Asterisk (*), um auf eine Pluralität von Geschlechtern und darauf zu verweisen, dass Differenzkategorien wie z. B. Frau* oder Mann* das Produkt gesellschaftlicher Unterscheidungs- und Kategorisierungsprozesse sind, die alle Menschen, die sich nicht innerhalb dieser binären Kategorisierung verorten, ausschließen." [1]

Der Asterisk ermöglicht es, die Kategorien als nicht „naturgegeben", als der Sprache nicht vorrangig, zu kennzeichnen. Und es ermöglicht auch, Personen, die sich z. B. als Frau* identifizieren, auf die oben angesprochenen gesellschaftlichen Unterscheidungsprozesse und auf ein nicht-binäres Verständnis von Geschlecht aufmerksam zu machen. Auch die Verwendung des Asterisks als Verweis, wie auf eine Fußnote, schwingt mit: Hier gibt es etwas zu erläutern, darzulegen, zu verhandeln. Der Asterisk ist, auch wie der Unterstrich, die Darstellung einer Leerstelle.

In feministischen Ansätzen werden dichotome, also zweiteilige Kategorisierungen als Element patriarchaler Diskriminierungen erkannt und kritisiert. Und diese binäre Matrix beschränkt sich nicht nur auf die patriarchale Geschlechterkategorisierung: „Mann/Frau", „Natur/Kultur", „Objekt/Subjekt", „das Eine/das Andere", „Schwarz/weiß", „nicht behindert/behindert". (Hier sind manche der Dichotomien entgegen der üblichen Formulierung auf irritierende Weise vertauscht, um vergeschlechtlichte, rassifizierte und ablistische Hierarchisierungen sprachlich erfahrbar zu machen.)

„Die in Antidiskriminierungsgesetzen definierten Kategorien »Geschlecht«, sogenannte »ethische Herkunft«, »Alter«, »soziale Herkunft«, »Religion« und »Weltanschauung«, »sexuelle Identität« und »Behinderung« bezeichnen keinesfalls etwa natürlich vorhandene >Merkmale< von Personen, sondern machtvolle gesellschaftliche Unterscheidungen und Strukturen. Es geht nicht um >Gruppen<-Zugehörigkeiten, die etwa >natürlich< oder gewählt sind, sondern es geht um Unterscheidungen und Zuordnungen, die im Rahmen historischer Macht- bzw. Dominanzverhältnisse hervorgeberacht wurden, aber zugleich in hohem Maß realitätswirksam sind. Das heißt sie strukturieren wirkmächtig gesellschaftliche Realität und die Lebenswirklichkeit von Menschen.“ [2]

Sprache bildet Sachverhalte nicht nur ab, sondern bildet Realität. Eine gendersensible Sprache ist eine rassismus-, ablismus- und klassismussensible Sprache. Anerkennung ist eine gute und unterstützende Orientierungshilfe für einen wertschätzenden Sprachgebrauch. „Sprache sucht neue Wege, zeigt Leerstellen auf, und neue Worte etablieren sich. Das ermöglicht, unsere gesellschaftlichen Vorgänge besser oder exakter zu beschreiben. Für mich spaltet unsere Sprache nicht, sondern deckt durch ein differenziertes Betrachten ihrer Beschaffenheit auf, was übersehen wurde. […] Es gilt, sich mit dem Kontext auseinanderzusetzen, in dem Menschen Selbstbezeichnungen wählen, um ihre Differenz zu beschreiben, weil es ihre Form des Widerstands gegen eine Erfahrung der Abwertung ist. Erst die Benennung der einzelnen Diskriminierungsformen ermöglicht es, sie zu verstehen. Es ist der erste Schritt, um dann in der Summe ihres Verschränktseins Ähnlichkeiten festzustellen und Schritte gegen die Diskriminierung einzuleiten. Diese Schritte beginnen mit einem Umdenken und Andersdenken über die alltäglichen Sprachhandlungen, die dazu beitragen." [3]

Künstler*innen analysieren und kritisieren immer wieder die Verbindungen von Körper, Geschlecht, Sprache und Realität, allen voran die österreichische Medienkünstlerin VALIE EXPORT. Auch die britisch-kanadische Künstlerin und Filmemacherin Erica Rutherford verweist auf die Funktion von Geschlecht als Rahmung: In der Malerei Taos Winter (1982) finden wir die Buchstaben A, B und C als Verweis auf das gesamte Alphabet, aus dem potenziell unendlich viele Begriffe gebildet werden können. In der Arbeit Voyelle, Chapter 26 von R. H. Quaytman sind die Buchstaben des Alphabets wiederum in ein mäanderndes Band eingewoben. Dabei sind sie nach verschiedenen Richtungen hin orientiert, werden unterschiedlich lesbar – z. B. kann ein N zu einem Z werden. Die Buchstaben werfen Schatten, sind Gegenstände in Raum und Zeit, haben also eine Geschichte. Ashley Hans Scheirls Arbeiten regen wiederum zu Fragen an: Was ist (wird) Identität (geworden sein)? Was ist (wird) Malerei (geworden sein)? Was ist (wird) ein Bild (geworden sein)? Was ist (wird) Begehren (geworden sein)? 

Mikki Muhr

 

 

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VALIE EXPORTS Arbeit Sehtext Fingergedicht
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VALIE EXPORT, Sehtext “Fingergedicht”, 1968
mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1980
© Bildrecht, Wien

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Erica Rutherford, Taos Winter, 1982
mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien / erworben mit Unterstützung der mumok Contemporaries, 2022
© Rutherford, Susana Scott

Kunstwerk Voyelle, Chapter 26 von R. H. Quaytman
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R. H. Quaytman, Voyelle, Chapter 26, 2013
mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 2014
© Quaytman, R.H.

Werk von Ashley Hans Scheirl, Tina im Kupkakleid
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Ashley Hans Scheirl,Tina im Kupkakleid und ich mit Pinsel, 2017
mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 2017
© Scheirl, Ashley Hans

 

[1] Susanne Lummerding, Sybille Wiedmann: mini-handbuch Diversity, Weinheim 2022, S. 9.
[2] Susanne Lummerding, Sybille Wiedmann: mini-handbuch Diversity, Weinheim 2022, S. 25.
[3] Hadija Haruna-Oelker, Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denken, München 2022, S.28 f.