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Symposium | Die Stärken der Schwäche

Gesellschaften in unruhigen Zeiten


Aus welchem Stoff sind Gesellschaften heute gemacht? In welchem Verhältnis stehen die Globalisierung als Waren- und Geldverkehr, als Sachherrschaft, und die Realität menschlicher wie nicht-menschlicher Körperströme? Wie ist die grundlegende Zusammengesetztheit des Ich beschreibbar und wie kann sie zur Quelle des Gemeinsamen werden? Welche Schritte sind denkbar, um die permanente Vernichtung materieller und sonstiger Vermögen zu stoppen? Aus welchen Elementen bestünde eine politische Philosophie und Praxis der semipermeablen Grenzen? Wie schreibt man eine Verfassung für das Zusammenleben aller Sterblichen?

Solche und ähnliche Fragen treiben derzeit nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Philosophie und die Kunst um. Sie sind aber viel zu groß, als dass eine einfache Antwort darauf einen Unterschied in konkreten Lebensvollzügen und ökonomischen, politischen, künstlerischen Zusammenhängen machen könnte. Das Symposium Die Stärken der Schwäche. Gesellschaften in unruhigen Zeiten widmet sich deshalb ausgewählten Schauplätzen und Problemfeldern, auf denen die Verletzlichkeit des Gewebes des Lebens politisch wird und/oder sich vielversprechende Formen des Umgangs mit den Blessuren des Kapitalozäns zeigen. Es werden Denkansätze und Praxisformen vorgestellt und diskutiert, die aus angeblichen Unvermögen Aktiva machen. Es geht um künstlerische, politische und philosophische Ansätze, die sich mit Schwäche, Kontamination, dem Ruinösem, Verlust oder Sterblichkeit auf eine Art und Weise beschäftigen, die diese vermeintlich defizitären Momente dergestalt umkehren, dass aus ihnen Fähigkeiten werden: Aus der Verwundbarkeit wird eine Offenheit für Verwundungen; eine Fertigkeit im Umgang mit Fragilität; ein Vermögen, sich auch in riskanten Situationen zu öffnen, das Unbekannte und das Verwunderliche an sich heranzulassen; sich angstfrei auf den/die/das Andere*n einzulassen, oder auch: ihn/sie/es sein zu lassen. Es geht um eine Ethik des Dividuellen, der halben Sachen und der partialen Allianzen. Es geht darum, aktuell wieder Fahrt aufnehmenden Reinheitsphantasien kenntnisreiches Navigieren im Unreinen entgegenzusetzen. Es geht darum, das Verbindende im Trennenden zu lokalisieren und Begriffe wie Gesellschaft, Gemeinschaft und Angehörigkeit aus dem Klammergriff von Familie und Nation zu lösen.

 

Das Programm ist in vier Slots gegliedert, für die jeweils Plätze reserviert werden können. Alle Slots sind kostenlos zugänglich.

 


Vortragende
Evelyn Annuß, Yener Bayramoğlu, María do Mar Castro Varela, Ann Cotten, Andreas Gehrlach, Jule Govrin, Julia Grillmayr, Karin Harrasser, Nanna Heidenreich, Thomas Macho, Sourayan Mookerjea, Gin Müller, Katrin Pahl, Matthäus Rest, Katrin Solhdju, Ulrich van Loyen, Uwe Wirth

Kuratiert von Karin Harrasser und Franz Thalmair

Eine Kooperation von mumok und IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften Kunstuniversität Linz in Wien | www.ifk.ac.at

 


Programm

Kontaminationen | Contaminations
Mittwoch, 14. Dezember

  • 14.30 Uhr: Begrüßung und Einführung
    Rainer Fuchs, mumok
    Thomas Macho, IFK
    Karin Harrasser, IFK
     
  • 15 Uhr: Gemenge. Mit Thomas Köcks ‚Solastalgia‘ zu einer Pedologik des Zusammenlebens
    Katrin Pahl | Professorin für Literaturwissenschaft und Gender Studies, Johns Hopkins University, Baltimore
     
  • 15.45 Uhr: Padre Pio, der Schamane
    Ulrich van Loyen | Medienwissenschafter und Sozialanthropologe, Medienwissenschaftliches Seminar, Universität Siegen
     
  • 17 Uhr: Wenn Kulturen versagen. Antibiotika, fragile Bakterien und geblähter Käse
    Matthäus Rest | Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Bauer in Dorfgastein
     
  • 17.45 Uhr: mixed up with others before we even begin. Von der Kollaboration zur Kontamination
    Franz Thalmair | Kurator im mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien sowie künstlerischer Leiter des Kunstraum Lakeside, Klagenfurt

 

Verwundlichkeiten | Vulnerabilities
Donnerstag, 15. Dezember

  • 9.30 Uhr: Enteignete Körper. Zur Stärke solidarischer Sorgeökonomien und alternativer Eigentumspraktiken
    Jule Govrin | Philosophin, Forschungsschwerpunkte an der Schnittstelle von politischer Theorie, Sozialphilosophie, Feminismus und Queer Theory
    Andreas Gehrlach | Kulturwissenschaftler, Literaturwissenschaftler, Kulturhistoriker, Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin
     
  • 10.30 Uhr: Krankheit als Gelegenheit, das Denken wachsen zu lassen? Gratwanderungen zwischen Empowerment und gehorsamer Anpassung ans Schlimmste
    Katrin Solhdju | Forschungsprofessorin des belgischen Fonds national de la recherche scientifique (FNRS) am Institut für Soziologie und Anthropologie der Universität Mons
     
  • 11.45 Uhr: Fragilität als Herausforderung. Politische Meditationen
    María do Mar Castro Varela | Diplom-Psychologin, Diplom-Pädagogin und Politikwissenschaftlerin, Professorin für Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin
    Yener Bayramoğlu | Medien- und Kommunikationswissenschaftler und Marie Curie Fellow an der Manchester Metropolitan University
     
  • 14.30 Uhr: Verletzungsmacht, Verletzungsoffenheit. Überlegungen zur Phänomenologie der Macht von Heinrich Popitz
    Thomas Macho | Kulturwissenschafter und Philosoph, Direktor des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien

 

Nichtbinaritäten | Nonbinarities
Donnerstag, 15. Dezember

  • 15.30 Uhr
    Dirty Dragging. Kreolisierte Mimesis

    Evelyn Annuß | Theater- und Literaturwissenschaftlerin, Professorin für Gender Studies am Institut für Kulturmanagement und Gender Studies, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

    „Jedes Haar ein Tentakel“. Aquatische Science Fiction, Frauensolidarität mit Meeressäugern und andere ambivalente Vermischmaschinen
    Julia Grillmayr | Unabhängige Radiojournalistin in Wien, Literatur- und Kulturwissenschafterin, Forschung zu Science Fiction, Lehre an der Kunstuniversität Linz

     
  • 16.45 Uhr:
    Make Vienna a great pleasure hole!
    Verque_rte Identitäten, Kollektive und Ar/ctivismus
    Gin Müller | Dramaturg*, Theaterwissenschafter*in, queer Ar/ctivist, brut Wien / ext. Lektor*, Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Universität Wien

    „Der Wechsel“. Der (Nicht-)Ort des Alters als queer-feministischer Schauplatz
    Nanna Heidenreich | Medienkulturwissenschaftlerin und Professorin für Transkulturelle Studien an der Universität für Angewandte Kunst, Wien

 

Reproduktivitäten | Reproductivities
Freitag, 16. Dezember:

  • 10 Uhr: Toxic Media Ecologies, Virtuous Vulnerabilities and Molecular Intermedia
    in englischer Sprache
    Sourayan Mookerjea | Director, Intermedia Research Studio, Department of Sociology, University of Alberta, Canada
     
  • 10.45 Uhr: Pfropfung als Metapher und Prinzip im Spannungsfeld von Original und Kopie
    Uwe Wirth | Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen; von 2005 bis 2007 wissenschaftlicher Geschäftsführer am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin
     
  • 11.45 Uhr: Elastizität. Eine Theorieausleierung zur besseren Benutzung der Gegenwart
    Ann Cotten | Deutschsprachige Schriftstellerin und Übersetzerin
     
  • 12.30 Uhr: Immunantworten. Künste der Erwiderung in Zeiten komplizierter Fragen
    Karin Harrasser | Professorin für Kulturwissenschaft und Vizerektorin für Forschung an der Kunstuniversität Linz sowie Kodirektorin des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien