Sie sind hier

Ulrike Müller, On Passing

mumok live



On Passing, mit zehn Jahren Abstand

Es ist Spätherbst 2020, und ich bereite gerade einen Atelierumzug vor, verbringe also einen Teil der andauernden Krisensituation mit Sortieren und Archivieren. Dabei bin ich auf ein einminütiges Videofile von 2011 gestoßen, produziert für das von Jason Simon und Moyra Davey organisierte One Minute Film Festival (2003–2012).

Das Video ist aus einem Fenster meines damaligen Ateliergebäudes in Brooklyn gefilmt und mit einem im Moment aufgenommenen NPR-Radio-Clip unterlegt. Die Blattformen kommen aus einer Bastelvorlage für Kinder … Ich habe das alles an einem Nachmittag und ohne Vorplanung zusammengestellt. Mit fast zehn Jahren Abstand kann ich für mich bis heute grundlegende Fragen identifizieren: Wie kommt die Welt ins Atelier? Wie ist meine Arbeit porös und wie grenzt sie sich ab? Welche Resonanzen findet sie in unterschiedlichen Kontexten? Was ist die Rolle von Humor, insbesondere in Anbetracht schwieriger Sachverhalte?

Der Audioclip zu Shakespeare aus dem Radio ist ein zufälliges Fundstück, wie auch die anderen Elemente. Mein Interesse galt einer mir damals nicht vertrauten englischen Redewendung und den etymologischen Verschiebungen, die da besprochen werden. Ich würde sagen, die so genannte Hochkultur ist ein Außen, welches uneingeladen in die Arbeit drängt. Auch bemerkenswert die besserwisserische Unterbrechung des männlichen Moderators, der als Stimme des Patriarchats auftritt. Seine Sendung wurde mittlerweile übrigens in Folge von #metoo-Beschwerden eingestellt.

In der erstbesten Übersetzung des berühmten Hamlet-Monologs aus dem Internet wird „When we have shuffled off this mortal coil“ zu „Wenn wir die irdische Verstrickung lösten“. Das scheint mir gut genug. Laut Duden ist ein Euphemismus eine beschönigende, verhüllende oder mildernde Umschreibung eines unangenehmen Worts. In diesem Fall eben ein Wort wie Tod oder wie Sterben.

Ulrike Müller, Brooklyn, New York, im November 2020