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Tina Girouard. Ein Nachruf

mumok insider


Manuela Ammer zum Tod von Tina Girouard

 

Mit großem Bedauern erfahren wir vom Tod der Künstlerin Tina Girouard im Alter von 73 Jahren. Girouards Arbeiten in der Ausstellung Pattern and Decoration: Ornament als Versprechen zählten 2019 zu den Höhepunkten dieser, auf den Beständen der Sammlung Peter und Irene Ludwig basierenden Präsentation der amerikanischen Pattern-and-Decoration-Bewegung. Wir freuen uns sehr, dass uns im Zuge der Ausstellung eine zentrale Arbeit der Künstlerin aus den späten 1970er-Jahren als Schenkung überantwortet wurde.

Girouard wurde 1946 in DeQuincy, Louisina, im US-amerikanischen Süden geboren und zählt zu den Schlüsselfiguren der New Yorker Kunstszene der 1970er-Jahre. Mit ihrer an Ritualen, sozialer Interaktion, ephemeren Situationen und alltäglichen Materialien interessierten künstlerischen Praxis trug sie zu der in jenen Jahren vorangetriebenen Erweiterung des Kunstbegriffs entscheidend bei.

Auch war sie an einer Reihe von alternativen Kunstinitiativen beteiligt, darunter 112 Greene Street, ein Raum, den sie 1970 gemeinsam mit Künstler_innen wie Suzanne Harris und Gordon Matta-Clark gründete. 1971 eröffnete Girouard gemeinsam mit Carol Goodden und Matta-Clark das legendäre Restaurant FOOD in SoHo, das als Intervention in den urbanen Raum angelegt war und als Vorläufer der „relational art“ gelten kann. Künstler_innen wie Donald Judd, Robert Rauschenberg oder Yvonne Rainer fungierten als Gastköch_innen von Mahlzeiten, deren Konsum oft eine performative Komponente innewohnte (die Knochen des Gerichts „Matta-Bones“ etwa wurden nach dem Mahl zu Halsketten umfunktioniert).

Girouards Einsatz von herkömmlichen gemusterten Stoffen oder Tapeten in Arbeiten, die das Dekorative und seine habituellen Dimensionen stets mit konzeptuellen Überlegungen verschränken, verdankt sich ihre Rezeption im Kontext der Pattern-and-Decoration-Bewegung der 1970er- und frühen 1980er-Jahre. Deren Protagonist_innen wollten nicht nur die Grenzen zwischen „high“ und „low“ unterlaufen, sondern auch den Westzentrismus eines männlich dominierten kunsthistorischen Kanons aufbrechen.

Mit ihrem Engagement in Haiti in den 1990er-Jahren setzte Girouard diese Anliegen fort und knüpfte zugleich an die frankophone Kultur ihrer Heimat Louisiana an: In Port-au-Prince, wo sie ein Atelier unterhielt, arbeitete sie eng mit lokalen Produzent_innen von zeremoniellen Voodoo-Flaggen zusammen, die kunstvoll mit Pailletten bestickt sind. Jenen Künstler_innen, deren Kultur und Tradition, widmete Girouard 1994 ihr Buch Sequin Artists of Haiti.