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Spekulationen über das Unsichtbare

mumok live


Spekulationen über das Unsichtbare
Gedanken des US-amerikanischen Künstlers Jesse Stecklow zu Dingen, die uns alle umfassen und dennoch im Verborgenen bleiben

Ich denke über das Unsichtbare nach, oder Dinge, die uns unsichtbar erscheinen, etwa aufgrund ihres Umfangs, ihrer Dauer oder ihrer Entfernung zu uns. Insbesondere über solche, die global auftreten, wie unseren Luftraum, den Lauf der Zeit, Wahlen, Umweltveränderungen oder ein Virus. Ich bemerke mit Neugier, wie unsere Vorstellungskraft oder unsere Communities offenbar durchdrehen, wenn wir über das Unsichtbare spekulieren. Ich frage mich, ob wir, wenn wir etwas nicht sehen können, die Freiheit gewinnen, etwas zu erfinden. Ein Beispiel: Eine blickdichte Box mag verschiedenste Objekte auf einmal enthalten, bis sie schließlich geöffnet wird und etwas Bestimmtes zum Vorschein kommt. Das erinnert mich daran, wie sich Inhalte im Internet verhalten – wo klare Herkunft und Ordnung durch Vielfältigkeit und Gleichzeitigkeit verdrängt werden, und wo jede erdenkliche Permutation zu existieren scheint. Diese Bedingungen machen das Unsichtbare reif für Spekulationen, alternative Theorien und Zweifel.

Ich interessiere mich dafür, was ein Kunstwerk aus diesem Verhalten lernen kann und wie ein Kunstwerk die Macht hat, unsichtbar zu bleiben oder sichtbar zu machen. Mich reizt die Möglichkeit einer Skulptur, die an den Rändern des Sichtbaren existiert, oder die durch ihre Fähigkeit, den Maßstab, die Dauer oder den Ort ihrer Umgebung zu verschieben, sichtbar wird. Ich denke über die Möglichkeit einer Skulptur nach, die sich der Spekulation hingibt und an vielen Orten gleichzeitig existiert, ohne definierte Ordnung oder Hierarchie. Seit 2013 experimentiere ich mit Kunstwerken, die aus ihrem Luftraum schöpfen. Sie zeigen oft Öffnungen an ihrer Oberfläche und enthalten einen Luftkeimsammler, der passiv flüchtiges Material sammelt. Die Proben werden aus der Skulptur entnommen und an ein Labor geschickt und analysiert. Die daraus resultierende Liste der gefundenen Materialien dient als Leitfaden, der in neue Werke zurückfließt und deren Bestandteile prägt.

In den letzten Jahren wurden diese Skulpturen aus poliertem Aluminium hergestellt, was ihnen erlaubt, mit dem Verschwinden zu spielen, indem sie einen Raum auf ihre Oberfläche übertragen. Besucht man eine Ausstellung zu verschiedenen Zeitpunkten, so kann man unterschiedliche Erfahrungen machen: Man sieht eine aufrecht stehende, verdeckte Arbeit, oder eine Arbeit, die nach der Probe zusammengeklappt wurde und ein unpoliertes Inneres offenbart. Ich habe mir die Zeitachse der Arbeit noch einmal angesehen. Es gibt Momente, in denen die Skulptur aktiv ist, sowie Momente, in denen das Material das Objekt verlässt, ins Labor reist und dann als Information wieder in das Werk zurückkehrt. Wie könnte die Arbeit ihre eigene Geschichte zeigen, die Anhäufung von scheinbar unsichtbaren Materialien, ihre Ergebnisse und die Auswirkungen der Besucher*innen auf die Oberfläche des Objekts? Ich arbeite daran, diese oder andere, imaginäre Momente in einem Hybrid zu visualisieren. In einer fortlaufend erweiterten Ansicht vervielfacht sich der Realitätsgehalt des Werks. Dort kann es gleichzeitig als unsichtbares Objekt wie auch als vergangene und zukünftige Iterationen seiner selbst existieren.

Jesse Stecklow (*1993, Cambridge, USA, lebt und arbeitet in Los Angeles)
 



mumok Kuratorin Marianne Dobner lernte Jesse Stecklow 2018 im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes in Los Angeles kennen und folgt seiner Arbeit seither. Für 2022 ist eine Einzelausstellung von Stecklow im mumok geplant.