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Rose-Anne Gush und Barbara Kapusta

mumok live


Rose-Anne Gush und Barbara Kapusta zu ihrem Programm Feminism Against Family

Das Programm Feminism Against Family geht von dem Aufruf zur Abschaffung der Familie aus, der die zentrale Forderung des Buches Full Surrogacy Now: Feminism Against Family von Sophie Lewis (Verso, 2019) ist. Wir haben Video- und Animationsarbeiten ausgewählt, die die Politik der Geschlechter, Schwangerschaft, Elternschaft, Kindheit und Eigentumsverhältnisse hinterfragen. Wir sind der Meinung, dass es jetzt mehr denn je wichtig ist, diesen Aufruf zur Abschaffung der Familie auszusprechen, ihn zu erneuern und diese Frage einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir alle wissen, dass wir mit Covid und der damit verbundenen Politik zunehmend in die Isolation und Gefangenschaft gedrängt werden. Je nach unserer Lebenssituation ist damit oft die Kernfamilie gemeint. Die Struktur der Kernfamilie wird als ein Ort der Sicherheit verkündet (ein Kokon fernab von drohender Krankheit), während wir auch wissen, dass die Gewalt im häuslichen Bereich mit den Abriegelungen weltweit stark eskaliert ist. Dies ist auch eine Zeit, in der Möglichkeiten familiärer Beziehungen jenseits ihrer bürgerlichen, patriarchalischen und heteronormativen Formen immer weniger möglich scheinen. Damit verbunden ist auch die Forderung, dass wir unsere Gesundheit riskieren, indem wir weiterhin zur Arbeit gehen (in allen Berufen, die wesentliche Versorgungsleistungen erbringen). Covid spaltet die Gesellschaft entlang von Klassengrenzen. Die häusliche und außerhäusliche Pflegearbeit (industrialisierte Pflege- und Instandhaltungsarbeiten, die Reinigung von Wohnungen, Geschäften, Turnhallen und Büros reicher Leute sowie die Betreuung von Kranken, Kindern und älteren Menschen) wird auf die Schultern von vorwiegend Frauen aus der Arbeiterklasse gelegt, die innerhalb der jeweiligen Gesellschaft ohnehin bereits marginalisiert sind.

Die Filme, die wir ausgewählt haben, beschwören sowohl die Alpträume der Familie als auch die Möglichkeiten familiärer Beziehungen jenseits dieser einengenden Formen herauf. Sie erforschen Lebensweisen, die ein Engagement für transformierte Verwandtschaftsbeziehungen und Strukturen der Unterstützung und Fürsorge nahelegen, die Solidarität einschließen. In ihrem Vortrag wird Lewis ihren „kritischen Firestonianismus“ (als Antwort auf Shulamith Firestones The Dialectic of Sex aus dem Jahr 1970) erweitern und – mit Bezug auf die Geschichte des Familienabbaus in den Befreiungskämpfen von Queers und Frauen – klären, was die Abschaffung der Familie bedeutet und was nicht, und was bei der Entromantisierung der Fürsorgearbeit auf dem Spiel steht. Letztlich argumentiert sie, dass unsere Konjunktur uns zwingt, die Frage neu zu priorisieren: Welche Rolle könnte die Automatisierung, ein weiteres Schlüsselthema von Firestones rassenblinder Utopie in einem von einem Gestator geführten Kampf gegen eine das Weißsein reproduzierende Arbeit des kapitalistischen Babymakings spielen?

Das Programm Feminism Against Family ist von 11. November 2020, 19 Uhr bis 13. November 2020, 19 Uhr online abrufbar.

Zum Filmprogramm

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Ergänzend zum Programm findet am 13. November 2020, 19 Uhr, ein Vortrag mit anschließender Diskussion (beides auf Englisch) von Sophie Lewis, Autorin von Full Surrogacy Now: Feminism Against Family (2019), statt.
Zum Vortrag
 


Rose-Anne Gush ist Kunsthistorikerin, Theoretikerin und Redakteurin. Sie lebt in Wien und arbeitet am IZK – Institut für zeitgenössische Kunst der TU Graz.

Barbara Kapusta lebt und arbeitet derzeit in Wien. Ein zentrales, wiederkehrendes Element in ihrer Arbeit ist die Verbindung des Körpers mit Materialitäten und Sprache. Materialität wird einer queeren Agency überantwortet, die Diversität und Verletzlichkeit möglich macht. Kapustas Publikation Dangerous Bodies erschien 2019 bei Gianni Manhattan, Wien, und Motto Books, Lausanne/Berlin.