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Robert Indiana, Love Rising / Black and White Love (For Martin Luther King), 1968

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Robert Indiana

Love Rising / Black and White Love (For Martin Luther King), 1968

Acryl auf Leinwand
367 × 367 × 8 cm
Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung, seit 1991

Robert Indiana bezeichnete sich selbst als „American Painter of Signs“, als amerikanischen Maler von Zeichen. Die kommerzielle Kultur der USA mit ihren Werbeplakaten und Konsumgüterlogos, ihren modernen Mythen und Träumen war ihm seit Ende der 1950er-Jahre unerschöpfliche Inspirationsquelle. Aus ihr kreierte Indiana eine singuläre Bildsprache, die sich aus einer begrenzten Anzahl einfacher bildlicher und sprachlicher Elemente zusammensetzt. Geometrische Formen, Buchstaben und Zahlen werden in immer neuen Kombinationen variiert. In teilweise riesigen Formaten kommen so Motive, die an Werbe- und Verkehrsschilder oder gar an Plaketten von Stromzählern erinnern, in den Ausstellungsraum. Der Ästhetik des Informationsdesigns entspricht die Reduktion auf wenige, eindeutige Zeichen und einen flächigen Farbauftrag, bunt leuchtend und mit oft scharfen Kontrasten. Wie ihre kommerziellen Vorbilder vermeiden auch Indianas Bilder jegliche künstlerische Handschrift und individuelle Geste. Ihre Botschaften, die sie so scheinbar klar und deutlich hinausrufen, sind so einprägsam wie sie am Ende aber auch mehrdeutig bleiben.

LOVE brachte einen Wendepunkt im Leben Indianas. Das Museum of Modern Art in New York beauftragte 1965 den Künstler mit der Gestaltung einer Weihnachtspostkarte. Das bis dahin kaum bekannte Motiv wurde schlagartig berühmt. Die Postkarte ist bis heute die am meisten verkaufte des Museums, und LOVE wurde eines der bekanntesten Bildmotive der Pop Art überhaupt. Es verbreitete sich – auch unautorisiert – in zahllosen Formen und Medien, als Malerei, Grafik, Skulptur, auf Kleidung gedruckt oder als Schmuckstück. Allein die Briefmarke mit dem Motiv verkaufte sich 330 Millionen Mal.

Die vier Buchstaben in einer geradezu majestätischen Klassizistischen Antiqua sitzen übereinander, L und O auf V und E. Jeder Buchstabe berührt den Rand der Leinwand, hält das Motiv dadurch in der Fläche und innerhalb des vergebenen Bildfeldes. Mit dem zur Seite gekippten O wird das Bildzeichen dynamisch und zugleich abstrakt, ermöglicht dekorative Dreh- und Kippeffekte. LOVE kann allein für sich stehen oder wird mit Drehungen und Spiegelungen zu einem abstrakten Bild.

LOVE ist ein Motiv, das sich die berühmt berüchtigten Mad Men in den Werbeagenturen der Madison Avenue nicht besser hätten ausdenken können: Es vermittelt eine universelle, verständliche Botschaft, die mit jeder nur erdenklichen sentimentalen, erotischen oder religiösen Bedeutung besetzt werden kann. Für Love Rising / Black and White Love (For Martin Luther King) (1968) hat Indiana vier Tafeln zu einem riesigen Quadrat von 367 cm Seitenlänge verbunden, der Schriftzug ist um das O in der Mitte gespiegelt. Statt der üblichen Buntkontraste ist das Motiv hier in Schwarz und einem hellen Beige aufgebaut: Wie eine Schablone scheint das Schwarz über dem hellen Grund zu liegen.

Der Titel verbindet dieses Bild mit einem historischen Ereignis: Es entstand in dem Jahr, in welchem der afroamerikanische Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King einem Attentat zum Opfer fiel. Nach der Tat am 5. April 1968 kam es zu landesweiten Protesten und Ausschreitungen. Der berüchtigte Direktor des FBI, J. Edgar Hoover, hatte jahrelang alle demagogische Rhetorik in Gang gesetzt, um King zu diskreditieren. Hoovers Angst vor einer Bedrohung des weißen Amerika und vor kommunistischer Unterwanderung war verbunden mit rechter Hetze und Hassreden: Vor einigen Jahren ist sogar ein Drohbrief an King aufgetaucht, in dem seine Anhänger “filthy dirty evil companions” genannt werden, “evil playmates”, verstrickt in “dirt, filth, evil and moronic talk” (The New York Times Magazine, 11. November 2014), und der wahrscheinlich aus Hoovers Umfeld stammt. Jene Rhetorik wurde bald genauso kritisch gesehen, wie die Verfolgung und Diskreditierung (vermeintlicher) Kommunisten durch das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ zu den dunklen Kapiteln amerikanischer Geschichte zählt. Martin Luther Kings Name dagegen ist unwiderruflich in die Geschichte Amerikas eingeschrieben – und in Robert Indianas Bild: Auf der Rückseite einer der vier Leinwände hat der Künstler seine Studiosignatur in Weiß mit Schablonen angebracht, als Plakette, ganz im Stil seiner Bilder: „Robert Indiana, 1968, New York, 2 Spring Street”. Darüber steht, ebenfalls in weißen Schablonen: „FOR DR MARTIN LUTHER KING JR”. Indianas Widmung des Bildes an den Bürgerrechtler war damit keine spontane Antwort auf tagespolitische Ereignisse, keine impulsive Geste mit lockerem Stift, sondern ein kalkuliert gesetzter Akt: LOVE ist kein beliebiges, sondern ein konkretes Statement geworden.

Jörg Wolfert