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Richard Anuszkiewicz. Ein Nachruf

mumok insider


Eva Badura-Triska zum Tod von Richard Anuszkiewicz (1930–2020)

Hand aufs Herz, kannten Sie den amerikanischen Künstler Richard Anuszkiewicz? Ich gebe gerne zu, dass ich noch nie von ihm gehört hatte, bevor Markus Wörgötter und ich als Kurator_innen der Ausstellung Vertigo (mumok, Kunstmuseum Stuttgart) uns mit Op Art beschäftigt haben. Dabei war Anuszkiewicz für uns eine Entdeckung, und zwar eine sehr spannende! (Im Übrigen gibt es in der Op Art noch viele Künstler_innen, die gleichermaßen zu entdecken wären!)

Richard Anuszkiewicz jedenfalls war ein nordamerikanischer Vertreter der Op Art, und das ist umso interessanter, als dieser Kontinent sonst nicht gerade ein Zentrum dieser Bewegung war. Letztere lagen vielmehr in Ländern und Regionen wie Italien, Frankreich, Kroatien, Spanien, Süddeutschland und nicht zuletzt in Südamerika. Wir führten dies unter anderem auf die katholisch geprägte Kultur dort zurück, auf eine Religion, die zwar in ihren Moralgeboten sehr körperfeindlich ist, in ihrem Kult aber höchst sinnliche und dabei auch den Körper affizierende Erfahrungen abzielt – etwas, das auch die Op Art auszeichnet. Sie passt somit nicht wirklich zu puritanisch geprägten Kulturen wie etwa England oder Nordamerika, die stets auf angemessene Ruhe, Harmonie und distanzierte Reserviertheit abzielen und starken körperlich-sinnlichen Erfahrungen entsprechend reserviert gegenüber stehen.

Anusczkiewicz wurde zwar in Amerika geboren und hat dort gelebt, bis er am 19. Mai 2020, vier Tage vor seinem 90. Geburtstag, gestorben ist. Seine Herkunft jedoch ist bezeichnenderweise europäisch, er ist Sohn polnischer Einwanderer und hat auch bei einem wesentlichen europäischen Künstler studiert, nämlich beim Bauhausmeister Josef Albers, der in Yale unterrichtete. Dieser lehrte ihn die abstrakte Auseinandersetzung mit bildnerischen Mitteln, insbesondere mit geometrischen Konstruktionen, sowie vor allem die Beschäftigung mit Farbe (Kernthema von Albers), die auch Anuszkiewicz Sache werden sollte. Wo jedoch die klassische abstrakte europäische Moderne (das Bauhaus, De Stijl und der russische Konstruktivismus) auf Harmonie und Ruhe im Werk abzielen, übersteigert und agitiert Anuszkiewicz in seinen Bildern. Seine Farben sind so grell, dass ihm der berühmte Händler Leo Castelli sagte, er könne ihn nicht in seine Galerie nehmen, „because your colours hurt“. Aber auch Anuszkiewicz‘ lineare Konstruktionen, seine Raster oder radial auf Zentren zuführenden Linien sind so dicht, dass das Auge überfordert wird – ein klassischer Op-Künstler. „Pictures that attack the eye“ hat der Kritiker Jon Borgzinner im Vorfeld der legendären MoMA-Ausstellung The Responsive Eye (1965) geschrieben und auf Anuszkiewicz, der in dieser Schau vertreten war, passte das perfekt.

„I’m interested in making something romantic out of a very, very mechanistic geometry. Geometry and color represent to me an idealized classical place that’s very clear and very pure“, hat Anuszkiewicz einmal gesagt. Stellt man nun die Frage, worin diese Romantik bestehe, lässt sich gut auf die historische Romantik verweisen. Die sublime Erfahrung kann hier sowohl eine ruhige, kontemplative Seite haben (wie bei Caspar David Friedrich oder später bei Mondrian und den Minimalkünstlern), es gibt aber ebenso die Seite des unsere Sinne übersteigenden Aufwühlenden, seien es Wasserfälle, wilde Berglandschaften oder gar Naturkatastrophen und deren Darstellung in der romantischen Landschaftsmalerei, oder eben ein die Sinne attackierendes und überforderndes Bild von Anuszkiewicz. Im Grunde sind es zwei Seiten der gleichen Medaille, wobei man, nicht nur in Amerika, sondern auch bei uns die ruhige, kontemplative lange bevorzugt hat. Die abstrakten Stars der 1960er-Jahre hießen Marc Rothko, Barnett Newman, Donald Judd oder Frank Stella. Agitation und Überforderung, wie sie die Op-Künstler provozieren, hat man weniger geschätzt, sind sie doch schwerer zu ertragen.

Schade, dass Anuszkiewicz in europäischen Sammlungen so gut wie nicht vertreten ist und es wohl auch nicht mehr leicht sein wird, (frühe) Werke nachzukaufen. Die Leihgaben für Vertigo jedenfalls mussten teuer aus Amerika geholt werden. Aber sie waren es wert. Wie so oft, beginnt wohl auch im Falle dieses Künstlers der Ruhm erst nach seinem Tod so richtig zu wachsen. Ein Künstlerschicksal wie in alten Zeiten, nicht untypisch für die Op Art, die von vielen immer noch kritisch beäugt und in ihrer formalen wie intellektuellen Bedeutung verkannt wird.