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Queer Andy

mumok insider


Queer Andy

Alle kennen seine bunten Variationen von Marilyn Monroe und anderen Superstars, die seriellen Campbell-Suppendosen und Andy Warhol selbst als Ikone der Pop Art mit seinen weißblonden Perücken. Diese ikonischen und oft gesehenen Bilder wird man in der Ausstellung ANDY WARHOL EXHIBITS a glittering alternative im mumok vergeblich suchen. Erstmals wird das weitgehend unbekannte, meist grafische Frühwerk Warhols, das er später vor der Öffentlichkeit verborgen hielt, gezeigt. War es ihm offenbar selbst zu schwul?

Warhol bearbeitete in seinem Frühwerk queere Themen erstaunlich offen und offensiv, seine erste Ausstellung überhaupt widmete sich dem literarischen Werk von Truman Capote, der in seinem 1948 erschienenen Roman Other Voices, Other Rooms (dt. Andere Stimmen, andere Räume) offen homosexuelles Begehren beschrieb. Warhol verehrte den jungen Superstar der New Yorker Literaturszene und schrieb ihm täglich Postkarten. Er stalkte ihn, würde man wohl heute sagen, nur hatte Capote kein Interesse an dem noch unbekannten Grafiker. Dieser gehörte einer anderen sozialen Schicht an, war sicher auf dem gesellschaftlichen Parkett und konnte seine Homosexualität verhältnismäßig offen leben. Ganz anders der aus einer Einwandererfamilie aus Osteuropa stammende, schüchterne und ungelenke Warhol.

Heimliches Begehren

Bei aller Geheimhaltung – und das zeigt die Ausstellung an einer Reihe von Beispielen – spielte Warhol in seinen grafischen Werken mit homoerotischen Motiven, geschlechtlicher Mehrdeutigkeit und mit Drag- und Trans*-Themen. In den 1950er-Jahren produzierte Warhol eine Reihe von Künstler*innenbüchern, die er an Freund*innen und Kund*innen verschenkte. So veröffentlichte er im Gold Book (1957) Zeichnungen oft androgyner junger Männer, die er mit Blattgold veredelte. In Ladies Alphabet (ca. 1953), einer Serie von Zeichnungen von Frauen, die an Werbungen in Modemagazinen erinnern, versteckte er Drag Queens, so ein Porträt des Fotografen Otto Fenn, dessen private Drag-Partys ein stadtbekannter Treffpunkt waren.

Im Dezember 1956 gelang Warhol, der u.a. mit dem Zeichnen von Schuhen für Modezeitschriften seinen Lebensunterhalt verdiente, mit der Ausstellung Crazy Golden Slippers ein erster künstlerischer Durchbruch. Er gab jedem Schuh einen Namen: Elvis Presley, James Dean, Mae West oder Truman Capote bekamen welche. Das einzige Bild aus der Serie mit zwei – noch dazu unterschiedlichen – goldenen Slippers trägt den Namen von Christine Jorgensen (1926–1989). Der Name Jorgensen war zeitgenössischen Betrachter*innen sicher ein Begriff. Als George William Jorgensen Jr. in der Bronx aufgewachsen, war Christine nach ihrer geschlechtsangleichenden Operation in Dänemark die erste Transfrau in den USA, die große mediale Aufmerksamkeit erhielt.

Ladies and Gentlemen

In Warhols Factory stiegen Drag Queens und Transgender, Candy Darling, Holly Woodlawn oder Edie Sedgwick, zu Superstars auf. Weißen Superstars muss man dazu sagen. Bei allem revolutionären und emanzipatorischen Gestus von Warhols Auseinandersetzung mit Genderperformances zeigt die 1975 entstandene Serie Ladies and Gentlemen, dass People of Colour (PoC) nicht dazugehörten. Für das Auftragswerk eines italienischen Galeristen ließ Warhol von seinen Mitarbeitern in Szenelokalen Drag Queens suchen, die er gegen ein geringes Honorar in seinem Studio auf Polaroids ablichtete und aus diesen die großformatigen Bilder der Serie schuf. Diese Drag Queens, fast ausschließlich PoC, blieben namenlos. Erst in den letzten Jahren wurden ihre Namen und Geschichten recherchiert.

Das jetzt ausgestellte Bild zeigt Wilhelmina Ross, die mit der New Yorker Drag Company Hot Peaches in der queeren Szene Erfolge feierte. Ihre Lebensdaten sind unbekannt, man findet nur den Hinweis, dass sie an den Folgen von Aids gestorben ist.

Andreas Brunner


Andreas Brunner ist Historiker (QWIEN – Zentrum für queere Geschichte) und führt am 12. Februar 2021 um 18 Uhr durch die Ausstellung ANDY WARHOL EXHIBITS a glittering alternative. Dabei eröffnet er ungewöhnliche Perspektiven auf das (lange unbekannte) Frühwerk Andy Warhols.