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Claes Oldenburg, Mouse Museum, 1965/1977

mumok collects


Claes Oldenburg

Mouse Museum, 1965/1977

Holz, Aluminiumwellblech, 385 Objekte in Vitrinen, Acrylglas, Ton
263 × 960 × 1007 cm
Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung, seit 1991

Im Moment sitzen die meisten von uns zu Hause und versuchen zu arbeiten oder sich in den eigenen vier Wänden irgendwie zu beschäftigen. Wir sehen uns um und entdecken unser Zuhause neu: Es wird aufgeräumt, ausgemistet und umgestaltet. Wir merken vielleicht, dass wir von vielen Dingen umgeben sind, die wir gesammelt oder gefunden haben, die uns geschenkt wurden. Manches war teuer, manches vielleicht nur billiger Ramsch. Jede/r hat so ein Eck, in dem sich diese Objekte sammeln: Mal repräsentativ in einer Vitrine drapiert, mal eher beiläufig hingestellt.

Die Auswahl der Dinge und ihre Präsentation folgen unserer ganz persönlichen Ordnung, sind kleine private Schausammlungen, unsere eigenen kleinen Museen, in denen wir selbst entscheiden, was „ausgestellt“ wird. In den 1960er-Jahren verfolgten Künstler_innen Strategien, die dem Prinzip unserer Sammlungen ähnlich sind. Sie begannen, sich von traditionellen Ausstellungs- und Präsentationsformen zu emanzipieren. Sie stellten die Oberhoheit von etablierten Museen und Galerien infrage und entwickelten künstlerische Projekte, in denen sie als Ausstellungsmacher_innen selbst Auswahl, Präsentation und Rezeption ihrer Werke bestimmen konnten. Es sollten vor allem nicht mehr einfach nur Bilder an einer beliebigen Wand hängen. Der amerikanische Künstler Claes Oldenburg hatte bereits Mitte der 1960er-Jahre begonnen, in seiner Wohnung Objekte in einem einfachen Regal zu sammeln: kuriose Dinge im Miniaturformat, kleine Modelle, gefundene Gegenstände, gekaufte Spielwaren, Nippes, Scherzartikel und Kitsch aus billigen Ramschläden, aber auch selbst hergestellte kleine Skulpturen. Er nannte diese Zusammenstellung sein „Museum of popular objects“.

Für die documenta 5 in Kassel 1972 realisierte er für diese Sammlung das Mouse Museum mehr oder weniger in seiner heutigen, monumentalen Form. Das Werk wurde schlagartig berühmt: Oldenburg konstruierte ein eigenes Museum im Museum mit einer einprägsamen architektonischen Form: Der schwarze Pavillon hat den Grundriss eines Mickey–Mouse-Kopfes mit großen Ohren und heraushängender Zunge, in der sich auch der Eingang befindet. Mit der Mickey Mouse griff Oldenburg einmal mehr auf einen Mythos amerikanischer Populärkultur zurück. Die Mouse wird zum Alter Ego des Künstlers, als Anspielung auf den Comic als einer Art Parallelwelt, in der eigene Gesetze gelten, die nicht den Konventionen unserer Gesellschaft folgen. So legte Oldenburg auch hier die Regeln selbst fest: Den Kurator der documenta, Kaspar König, ernannte er zum Direktor des Mouse Museum mit der Aufgabe, Inventarlisten zu führen.

Betritt man das Innere, steht man in einem dunklen Raum, nur eine leuchtende Vitrine führt wie ein Filmstreifen durchgehend die Wände entlang; zwei kleine Vitrinen in freistehenden Säulen markieren die Augen der Mouse. Hier hat Oldenburg die Objekte seiner jahrelangen Sammeltätigkeit geordnet und zu Gruppen seiner persönlichen Präsentation aufgestellt: ohne Hierarchie, ohne Sockel sind sie in einer locker assoziativen Reihung miteinander verbunden, wird der Blick über Ähnlichkeiten und suggestive Assoziationen von einem Objekt zum nächsten geführt. Oldenburg: „Es zeigt eine Art enzyklopädische Sicht auf die Welt. Es gibt darin alle Größenordnungen, alle Gefühlsschattierungen. Kunst gibt es dort und eine Menge Nicht-Kunst. Es ist wie ein Querschnitt einer bestimmten Zeit, ein Mikrokosmos, der alle möglichen Fragen aufwirft“.

Das Mouse Museum wurde 1978 von dem Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig erworben und gehört zu den Hauptwerken des mumok. Es wird unmittelbar nach Ende der Schließung des mumok im Rahmen der Ausstellung MISFITTING TOGETHER. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art zu sehen sein. Bis dahin freuen wir uns, IHRE Sammlungen zu sehen – teilen Sie Bilder ihrer eigenen kleinen Museen mit uns!
 

Jörg Wolfert

Ausstellung: MISFITTING TOGETHER