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Ein Interview mit Ingeborg Strobl, die ihren künstlerischen Nachlass dem mumok überantwortet hat

mumok collects


Ingeborg Strobl (1949–2017) war eine sehr genaue Beobachterin gesellschaftlicher Entwicklungen. Sie hat die Auswüchse einer auf Profit hin ausgerichteten Leistungsgesellschaft seit den 1970er-Jahren sehr kritisch betrachtet und in ihrer Kunst zur Sprache gebracht. Schon sehr früh hat sie vor den Folgen des verschwenderischen und gedankenlosen Umgangs mit natürlichen Ressourcen gewarnt. Dazu dienten ihr vorwiegend Tiermotive. Die Darstellung der Tiere sagt bei Strobl etwas über den Menschen aus, über seine Verdrängungen und Verdrehungen.

Man könnte Strobl auch als eine Außenseiterin der Kunst bezeichnen, die sich nicht für modische Trends oder für Protagonist_innen und Situationen im Brennpunkt des medialen Interesses interessiert hat, sondern für das Randständige und allzu leicht Übersehene. Sie war für einen niederschwelligen und demokratischen Zugang zur Kunst, wie man beispielsweise an ihren Videos ersehen kann, die unter „inga troger“ auf Youtube für jedermann abrufbar sind. Die große Bedeutung des gewöhnlich Peripheren lässt sich auch an ihrer Wertschätzung der „Drucksorten“ erkennen, die ihr Werk nicht nur begleiten, sondern selbst Teil davon sind. Dies lässt sich sowohl in ihrer mumok Ausstellung nachvollziehen als auch im folgenden Interview, das kurz vor dem Tod der Künstlerin entstanden ist.


„Ich leide eigentlich unter der Menschheit“
Gabriele Jurjevec-Koller im Gespräch mit Ingeborg Strobl (2. Februar 2017)

Strobl: Einen Katalog im herkömmlichen Sinn gibt es von mir nicht. Ein Katalog reproduziert abgeschlossene Arbeiten, informiert mit Credits und ist meist so etwas wie ein Verkaufskatalog. Meine Bücher, auch die Hefte, sind komplett eigenständige, autarke Arbeiten, die keine Waren reproduzieren und nur als Drucksache existieren können, sowohl formal wie auch inhaltlich. (…) Es irritiert viele, dass es in meinen Drucksachen keine kunsttheoretischen Texte gibt, weil sie sich an diesen Ergänzungen gerne orientieren möchten, die ich dann aber möglicherweise selbst nicht verstehen würde. (…) Viele Künstler legen großen Wert darauf, Texte von berühmten Theoretikern in ihren Veröffentlichungen zu wissen. Ich bewege mich auch hier auf dünnem Eis, meine Publikationen sind vielleicht auch deshalb meist Ladenhüter.

Jurjevec-Koller: Die wesentlichsten Gestaltungselemente deiner Künstlerpublikationen sind Fotografie, Textfragmente/Sprache, Collage, Typografie und materielle Qualitäten, wie Drucktechniken, Papier, Bindung etc. Mir erscheint es so, dass das alles die gleiche Wichtigkeit einnimmt, ist das richtig?

Strobl: Ja ...

Jurjevec-Koller: Wenn du ein Druckwerk machst, bestimmst du alles selbst. Du suchst die Druckerei, den Buchbinder usw. aus. Das ist ja sicher auch sehr zeitintensiv.

Strobl: Ja, es ist mir wichtig, dass möglichst vieles in meiner Hand bleibt. Es geht um Aufmerksamkeit. Wenn ich etwas mache, mache ich es ordentlich, dann reize ich das aus, dem jeweiligen Medium entsprechend. Auch bei meinen Ausstellungen. So gesehen ist jedes Druckwerk ein Unikat, auch wenn es in größeren Auflagen existiert. Ich habe das gern, wenn es viele Exemplare vom Gleichen gibt. Die Drucksache ist ein demokratisches Medium, wird aber nicht als solches wahrgenommen. Es kann um einen geringen Betrag erworben werden. Man besitzt von mir dann quasi ein Original, kann sich aber damit nicht schmücken. Das Buch ist ein Gebrauchsgegenstand mit umfangreichem Content auf verschiedensten Ebenen.

Jurjevec-Koller: Auch sehr auffallend bei deinen Büchern ist, dass die Cover des Öfteren keine Titel oder Namen aufweisen. Tritt die Künstlerin hinter das Werk, hinter ihre eigene Erscheinung?

Strobl: Ich habe nie Wert darauf gelegt, dass überall Strobl draufsteht. Das ist das Unwichtigste. Der Name stört das Layout, die Abbildung. Ich habe es geschafft, dass auf einigen der Cover nichts draufsteht. Das ist heute nicht mehr möglich.

Jurjevec-Koller: Vor allem bei Verlagsproduktionen, da reden viele Leute mit, und die Marketingleute haben ja immer die Verkaufbarkeit im Auge.

Strobl: Das war alles noch vor dieser penetranten Kommerzialisierung und dem überzogenen Gewinnstreben. Es war eine freiere Zeit, es gab mehr Abenteuerlust. Vielleicht auch mehr finanzielle Mittel. Es existierte eine andere Form der Freiheit, die es nicht mehr gibt. Es reicht, wenn ein Längstitel am Buchrücken vorhanden ist. Vielleicht auch eine Form der Uneitelkeit. Es geht mir nie um mich, sondern nur um das Produkt. Das ist eventuell ein weiterer Grund, warum meine Drucksachen relativ erfolglos sind, ich habe dann nicht mehr die Kraft, die Dinge zu promoten oder zu vermarkten. Das gilt auch für Ausstellungen. Da möchte ich oft gar nicht mehr bei der Eröffnung anwesend sein. Heutzutage muss man sich selbst in Szene setzen, das konnte ich aber nie gut, es ist mir einfach zu anstrengend, interessiert mich zu wenig.

Jurjevec-Koller: In deinen Ausstellungen setzt du Objekte aus deiner Sammlung – du hast ja eine sehr große Sammlung von Objekten, Fundstücken aller Art und selbstproduzierten Werken – immer wieder in neue Zusammenhänge. Trifft das auch auf die Bücher zu? Es sind in verschiedenen Publikationen gleiche Bilder zu finden. In deiner Arbeit/den Büchern entstehen so Referenzen/Bezugssysteme. Sehe ich das richtig?

Strobl: Ja. Mich interessieren Kontextverschiebungen. In welchem Zusammenhang steht eine Abbildung? Dadurch werden Inhalte natürlich verändert. Ein Gegenstand oder ein Foto kann so oder so gelesen werden, es kommt auf den Zusammenhang an. Zum Beispiel bei der Fotografie: Ich habe kein Interesse an Einzelfotos oder daran, ein Einzelfoto zu veräußern, das wäre dann nur ein Teil eines größeren Ganzen.

Jurjevec-Koller: Die meisten Menschen haben eine sentimentale oder auch romantische Beziehung zu Tieren. Das fehlt bei dir vollkommen.

Strobl: Ja, das ist so. Ich habe zwar eine große Nähe zu Tieren, aber ich kann sie hoffentlich trotzdem sehen, wie sie sind. Mit den gleichen Nöten und Rechten, wie ich sie habe. Ein Tier ist für mich außerdem immer positiv besetzt. Auch der nicht nur schöne Pfeilgiftfrosch hat seinen Platz im Weltgefüge. (…) Mir geht es um die Wahrnehmung der realen Existenz Tier, die „Persönlichkeit“, beispielsweise des Hasen, ein Lebewesen, das so wie alle anderen auch sein Programm hat. Und mein Interesse ist speziell auf Nutztiere fokussiert, der Mensch steht aber immer dahinter.

Jurjevec-Koller: Gibt es, abgesehen von den Tieren, Inhalte, die für dich ganz wichtig sind?

Strobl: Ja, die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt. (…) Der Mensch ist für mich eine sehr problematische Spezies, durch seine Handlungen eher negativ besetzt. Das zieht sich durch meine gesamte Arbeit. Das heißt, die Werke sind im weitesten Sinn politisch – obwohl ich dieses Wort nicht gerne verwende –, natürlich alles andere als tagespolitisch. Ich leide eigentlich unter der Menschheit. (…) Ich habe zwei Leben, das im bäuerlichen Umfeld und das im Bereich der Kunst. Ich bin auch äußerst gerne anonym. Wahrscheinlich habe ich doch diese moralische Motivation, dass ich etwas ändern und auf etwas hinweisen will, eine etwas naive Haltung. Ich als einzelne Person bin in diesen Zusammenhängen uninteressant. Ich war auch nie eine glühende Feministin, außer zu meiner Zeit mit der Gruppe DIE DAMEN, da wurde ich mitgerissen, habe mich aber relativ schnell wieder davon entfernt.

Jurjevec-Koller: Du hast einmal gesagt, ich glaube, das war schon in den 80er Jahren: „Ich merke, dass mir das Buch das liebste Medium ist.“ Ich habe den Eindruck, dass das auch heute noch gilt.

Strobl: Das stimmt immer noch.


 

Das Gespräch kann in voller Länge im Katalog zur Ausstellung Ingeborg Strobl. Gelebt nachgelesen werden (Hg. v. Rainer Fuchs, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2020).

Erstmals veröffentlicht in Gabriele Jurjevec-Koller mit Brigitte Felderer und Maria Stadler (Hg.), Sweethearts – Die Bibliothek als Kunstsammlung. Künstlerbücher und Künstlerpublikationen aus der Bibliothek der Angewandten, Buchreihe der Universität für angewandte Kunst Wien, Berlin, Boston: De Gruyter 2017.

Ausstellung Gelebt - Ingeborg Strobl