Sie sind hier

Hugo Canoilas – Seiten wie kleine Teppiche

mumok insider


Seiten wie kleine Teppiche

Ein Gespräch mit Rainer Fuchs, Kurator und Herausgeber des Ausstellungskataloges Hugo Canoilas. On the Extremes of Good and Evil (Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2020)

Ines Gebetsroither: Nimmt man den Katalog Hugo Canoilas. On the Extremes of Good and Evil in die Hand, fällt zuerst seine etwas „lapprige“, wabernde Konsistenz auf. Das Buch ist ungewöhnlich großformatig, dünn und eher das Gegenteil von „kompakt“ und „handlich“. Auf seinem Cover ist eine Zimmerecke abgebildet, in die ein unförmiges textiles Gebilde gelegt ist. Fast scheint es, als ob auch beim Buch selbst die Assoziation mit einem „Teppich“ beabsichtigt ist?

Rainer Fuchs: So ist es. Es sollte kein üblicher Katalog werden, sondern ein Künstlerbuch, das in seiner Gestalt und seinem Inhalt eine Nähe zum Werk selbst spürbar macht, die über das rein Dokumentarische und Archivalische hinausgeht. Deshalb das großflächige Format, das es auch erlaubt, im Inneren spielerisch mit dem Teppichthema umzugehen. Also nicht einfach Motive abzubilden, sondern den Abbildungen Motivcharakter zu verleihen. So sind auch die einzelnen Seiten und Blätter nicht nur Hinter- und Untergrund für Bilder, sondern besitzen selbst Bildstatus. Und weil Teppichmotive zu sehen sind, erscheinen die Seiten wie kleine Teppiche, auf denen wiederum Bilder sitzen.

IG: Diese „Teppichseiten“ mit ganzseitig abfallenden Bildern von nicht sofort definierbaren Oberflächen – verkrustete Farbschichten, filzartige textile Landschaften usw. – bilden teilweise den Hintergrund für Abbildungen von privaten Innenräumen, aufgenommen aus einer eher seltsamen Perspektive, mit Parkett- oder Terrazzoböden, Möbeln, Schuhen, aber vor allem auch wieder mit jenen amorphen Gebilden. Warum der Fokus auf Böden?

RF: Weil der Katalog davon befreit ist, die Ausstellung einfach zu dokumentieren, verkörpert er eine Art Paralleluniversum zur installativen Malerei im Ausstellungsraum. Das Cover zeigt eine Tür, und wenn man umblättert, öffnet man diese Tür. Man „betritt“ so das Innere des Katalogs, einen imaginären Raum, in dem die Böden eine zentrale Rolle spielen. Dass der Fokus auf den Böden und Teppichen liegt, hat mit der Absicht zu tun, eine veränderte Form der Raum- und Realitätswahrnehmung zu thematisieren, die auf das primär auf den Boden und nach unten gerichtete Blickfeld von Tieren, wie etwa Hunden, anspielt. Dahinter verbirgt sich die Kritik an einem anthropozentrischen, allein an menschlichen Ansprüchen und Wertvorstellungen ausgerichteten Weltbild, das für viele aktuelle Katastrophenszenarien verantwortlich ist.

IG: Die Installation von Hugo Canoilas im mumok breitet sich wohl nicht von ungefähr über den Boden der gesamten Ausstellungsebene aus. Betritt man sie, fühlt man sich von ihr geradezu verschlungen wie von einer amorphen Masse. Auch in Deinem Katalogessay schlägst Du, in Anspielung auf die Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway, den Begriff des „Tentakulären“ vor, um Canoilas` Herangehensweise zu beschreiben. Was kann man sich darunter vorstellen?

RF: Mit dem „Tentakulären“ meint Haraway eine Verwobenheit und Vernetzung allen kreatürlichen Seins als Inbegriff eines empathischen Verhaltens, das eine Alternative zur fatalen Logik hierarchisch strukturierter Machtgefüge und Existenzweisen darstellt. Sie spricht daher auch vom Zeitalter des Chtuluzäns – benannt nach der tentakulären Form einer Spinne – das die Ära des Anthropozän ablösen müsse, um den gegenwärtigen und künftig drohenden Katastrophen entgegenzusteuern. Canoilas` Darstellungen tentakulär verschlungener Gebilde aus Glas und Textilien erscheinen wie kongeniale Übersetzungen von Haraways Gedanken in objekthafte und raumbezogene Kunstwerke. Beide Persönlichkeiten kennzeichnet ein gesellschaftspolitisch sensibles Denken und Handeln.

IG: Im Buch ist auch ein Briefwechsel von Hugo Canoilas mit der Künstlerin Elise Lammer abgedruckt. Die Rede ist von einer Performance von Lammer in „The Grotto“, einer künstlichen Höhle von Canoilas im Keller seiner Galerie in Lissabon. Dort kam es zu einer Metamorphose, die Performerin verwandelte sich in einen Hund. Was passierte dort genau?

RF: Canoilas` Konzept in „The Grotto“ in Lissabon setzt auf Kommunikation und Partizipation, er lädt Publikum und Freunde ein, seinen Raum, der dort bereits durch ein Bodenbild bestimmt ist, kreativ zu nutzen.

IG: Auch im mumok ist diese Metamorphose Thema, auch hier ist eine Performance geplant … Im Katalog finden sich zudem Hunde bzw. Menschen in Hundeverkleidung abgebildet.

RF: Die Wiener Hundeperformance geht aus der dortigen Kooperation mit Elise Lammer hervor. Die nun für Wien konzipierte, von Elise und Julie Monot choreographierte Performance, zeigt in Hunde „verwandelte“, d. h. verkleidete Akteure, die sich auf der Bodenmalerei als ihrem Terrain bewegen. Sie verkörpern jenes empathische Spiel zwischen dem Menschlichen und dem Tierischen, das die eigene Identität am kooperativen Umgang mit dem jeweils Anderen bemisst. Dass, wenn der Mensch einen Hund hat, der Hund zugleich auch einen Menschen hat, wie Haraway einmal anmerkte, bedeutet die Einsicht in ein Aufeinander-angewiesen-Sein, das jede Selbsterhöhung über andere als Blindheit erkennbar macht. Metaphorisch lässt sich dieses Faktum auf alle Prozesse gesellschaftlichen Handelns, d. h. auch auf den Umgang der Menschen miteinander beziehen. In unserem Fall ist die vorliegende Kunst – in Form der Ausstellung und des Katalogs – der Bewusstseinbeschleuniger für solche Zusammenhänge.