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In Gesellschaft der Natur

mumok insider


„Wenn wir weiter gegen den Rhythmus der Natur arbeiten, entstehen noch größere Katastrophen“, Ingeborg Strobl, 1975
Rainer Fuchs über das Engagement der österreichischen Künstlerin

Ingeborg Strobl hat sich bereits in den 1970er-Jahren gegen Konsumwahn und Umweltzerstörung ausgesprochen bzw. diese Haltung auch durch ihren bescheidenen Lebenswandel und ihre Kunst glaubhaft gemacht. In ihren frühen Zeichnungen und Keramiken zeigt sie die Bedrohtheit der Natur und alles Kreatürlichen, indem sie fragmentierte und malträtierte Tiermotive gestaltet. Lange bevor Empathie, Sympoeisis* und Koevolution zu Schlagwörtern wurden, warnte Strobl vor Profitgier und der einseitigen Ökonomisierung des Lebens. Als politisch sensible und engagierte Person hat sie etwas später durch einen gemeinsam mit Johanna Kandl gestalteten Button einen prägnanten öffentlichkeitswirksamen Beitrag zu den legendären Donnerstagsdemonstrationen gegen die seinerzeitige schwarzblaue Regierung ab dem Jahr 2000 geleistet.

In ihrer mumok Retrospektive Gelebt – Ingeborg Strobl lässt sich ihr zeitkritischer Geist insbesondere an einigen installativen Arbeiten sehr gut ablesen. So gibt es eine als Wunderkammer benannte Arbeit, die jedoch vom historischen Motiv in einem entscheidenden Punkt abweicht: Sie sucht das Wunder nicht in den feudalen Gold- und Silberschätzen oder in seltenen, wertvollen Naturmaterialien, sondern in den kleinen, oft unbeachteten Dingen des Lebens, die aufgrund persönlicher Beziehungen und Geschichten mit immateriellem Wert aufgeladen sind. Und sie weist zugleich in einem zum Werk gehörenden Text darauf hin, dass der Reichtum der einstigen Wunderkammern auf kolonialer Ausbeutung beruhte – einer niederträchtigen Geschichte, mit deren nachhaltigen Folgen wir gerade selbst konfrontiert werden. 

In einer weiteren Arbeit geht Strobl den Ursachen und Konsequenzen einer industrialisierten Lebensmittelproduktion im ländlichen Umfeld nach. Sie widmet sich den Resten jener Almhütten, von deren einstiger Präsenz nur noch die sogenannten Sauplotschen (lat. Rumex Alpinus) zeugen, die scheinbar unausrottbar auf dem Dung des früher auf diesen Hütten gehaltenen Viehs wachsen. Ohne das traditionelle bäuerliche Leben zu beschönigen oder die wild wuchernde Natur zu verklären, weist die Künstlerin auf die Zerstörung einstiger Existenzvielfalt durch eine neoliberal bestimmte Marktwirtschaft hin. Was uns auf den ersten Blick vielleicht romantisch erscheinen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als nüchterne Bestandsaufnahme einer sich zunehmend automatisierenden und normierenden Gesellschaft, die nicht nur in Ernährungsfragen Qualität durch Quantität ersetzt. Strobls Blick auf diese Entwicklung basiert auf persönlichen Beobachtungen, da sie selbst jahrelang während der Sommermonate das einfache und auch beschwerliche Leben einer Viehhirtin in den steirischen Almen geführt hat. Sie hat sich dadurch eine Naturverbundenheit angeeignet, die unabtrennbar von der Erfahrung gesellschaftlicher Realität ist. Wäre Ingeborg Strobl noch am Leben, würde sie ziemlich sicher wieder auf die Straße gehen, um angesichts drohender Katastrophenszenarien ihrer Haltung Nachdruck zu verleihen. 

*Der von der Theoretikerin Donna Haraway geprägte Begriff bezeichnet die Vorstellung eines „Mit-Machens“ oder „Mit-Werdens“ – im Gegensatz zum Begriff der Autopoeisis, also der Idee der Selbstschaffung und -erhaltung eines Systems.

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