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Gemeinsam und doch allein

mumok insider


Buchtipps von Kurator Franz Thalmair – gemeinsam und doch allein

In Zeiten des Physical Distancing lohnt es sich, wieder mehr über Gemeinschaft nachzudenken. Drei in den vergangenen Jahren auf Deutsch erschienene Bücher helfen dabei: Der aus Südkorea stammende, in Deutschland lebende Philosoph Byung-Chul Han vertritt mit Vom Verschwinden der Rituale die These, dass Gemeinschaft in Ritualen entsteht, durch deren Verschwinden eine „Atomisierung der Gesellschaft“ sichtbar wird. Unter dem Motto „Europäer ist, wer es sein will“ formuliert Bruno Latour in Das terrestrische Manifest nicht nur eine Kampfansage an diejenigen, die den Klimawandel leugnen, sondern auch ein Plädoyer für eine inklusive Gesellschaft. Ausgehend von ihrer eigenen Beziehung zur Hündin Cayenne Pepper zeigt Donna Haraway schließlich in Das Manifest für Gefährten, wie Zusammenleben über die eigenen biologischen und kulturellen Grenzen hinweg gedacht werden kann.


Byung-Chul Han
Vom Verschwinden der Ritualen. Eine Topologie der Gegenwart
Ullstein: Berlin, 2019
„Rituale bringen eine Resonanzgemeinschaft hervor, die zu einem Zusammenklang, zu einem gemeinsamen Rhythmus fähig ist. […] Ohne Resonanz ist man auf sich selbst zurückgeworfen und für sich isoliert. Die Resonanz ist kein Echo des Selbst. Ihr wohnt die Dimension des Anderen inne.“ (S. 19)
Ullstein

Bruno Latour
Das terrestrische Manifest
Suhrkamp: Berlin, 2018
„Europa ist eine Provinz? Nun gut, genau das aber wird doch gebraucht: ein lokales, warum nicht provinzielles Experiment dazu, was es heißt, eine Erde nach der Modernisierung zu bewohnen, zusammen mit jenen, die die Modernisierung endgültig von ihrem Mutterboden vertrieben hat.“ (S. 122)
Surkamp

Donna Haraway
Das Manifest für Gefährten. Wenn Spezies sich begegnen
Merve: Berlin, 2016
„Ich glaube, dass jede ethische Bezugnahme und Beziehung, innerhalb oder zwischen Spezies, aus dem seidenstarke Faden der anhaltenden Aufmerksamkeit für die Andersartigkeit-in-Verbindung geknüpft ist. Wir sind nicht Eins, und Sein hängt davon ab, miteinander auszukommen.“ (S. 59)
Merve