Sie sind hier

Freiräume – über ein Vermittlungsprojekt mit dem Verein Dialog

mumok insider


Vor gut einem Jahr präsentierten wir stolz und glücklich den von uns gestalteten Kubus und unser Kunstvermittlungsprojekt Freiräume im Rahmen der Ausstellung Zwischenspiel im mumok.

Wir, das ist der Verein Dialog, die größte ambulante Suchthilfeeinrichtung in Österreich. Seit über 40 Jahren beraten und betreuen Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Ärzt*innen Menschen mit einer Suchtproblematik und deren Angehörige im Einzel- und Gruppensetting.

Ein Angebot im Gruppensetting ist das Kunstvermittlungsangebot des mumok, das 2008 im Rahmen von Kulturtransfair konzipiert wurde. Oft ist der Zugang zur Kultureinrichtung und zur Kunst für unsere Zielgruppe sehr hochschwellig. Die Initiative Kulturtransfair hat sich zum Ziel gesetzt, genau dem entgegenzuwirken und Sozial- und Kultureinrichtungen näher zusammenzubringen. In diesen Workshops fand eine wertschätzende Begegnung auf Augenhöhe statt, die für viele Teilnehmer*innen eine neue Erfahrung war. Das mumok – ein Ort fernab von Problemen, Sucht und Krisen, vielmehr ein Ort der Auseinandersetzung mit Kunst, der (Wieder-)Entdeckung eigener kreativer Potenziale, zum Sich-Ausprobieren und Dazugehören.

Bereits bei der Finissage von Zwischenspiel im März 2020 wurde die Frage gestellt, ob man sich die Hand noch geben darf. Kurz darauf folgte dann der erste Lockdown: Abstand halten und zu Hause bleiben. Für Menschen ohne zu Hause ist dies schwierig. Abstand zu halten und soziale Kontakte zu reduzieren bei ohnehin reduzierten sozialen Kontakten führte viele Betroffene in die Isolation und Einsamkeit. Dazu kam noch, dass Beschäftigungen wie Hobbys und Arbeit nicht nachgegangen werden konnte. Viele der Klient*innen haben Vorerkrankungen, die zu einer weiteren Verunsicherung führten. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die psychischen Belastungen und der Substanzkonsum, vor allem von Alkohol, stetig zunahm. Dennoch zeigte sich auch, wie krisenerfahren viele der Menschen mit Suchterfahrung sind, wie kompetent viele mit dieser verunsichernden Situation umgingen. Die Verunsicherungen waren ein verbindendes Element zwischen Berater*innen und Klient*innen, und auf einmal saßen wir gemeinsam in einem Boot.

Die Betreuungs- und Behandlungsgespräche wurden und werden zum Teil telefonisch abgehalten, auch unsere Gruppenangebote wurden auf Telefon umgestellt. Virtuelle Veranstaltungen und Angebote, die für die breite Öffentlichkeit etabliert wurden, konnten vom Großteil unserer Klient*innen nicht genutzt werden, da meist die technischen Möglichkeiten nicht vorhanden waren, was wieder zu weiterer Ausgrenzung führte.

Die Beratungen finden zum anderen Teil vor Ort unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wie mit FFP2-Maske und Abstand statt. Auch wenn dieser Umstand Herausforderungen mit sich bringt, sind diese Termine wichtige Fixpunkte im Kalender und häufig der einzig soziale persönliche Kontakt.

Umso mehr freuen wir uns, dass das mumok wieder geöffnet hat und mit dem Kulturpass besucht werden kann. Noch mehr freuen wir uns, wenn wieder Workshops stattfinden können und das mumok als Ort der Auseinandersetzung mit Kunst fernab von Krisen erlebbar ist.

Barbara Waidhofer (Verein Dialog)


Zum Projekt

Seit über zehn Jahren veranstaltet die Kunstvermittlung im mumok Workshops für Klient*innen des Vereins Dialog. Ablauf und regelmäßig stattfindende Präsentationen ihrer Arbeiten bestimmen Teilnehmer*innen gemeinsam mit Kunstvermittler*innen. Als handelnde Akteur*innen haben sie so die Möglichkeit, Ressourcen (neu) zu entdecken sowie eigene Kompetenzen und Fähigkeiten wahrzunehmen. Im Februar 2020 zeigte die Kunstvermittlung, kuratiert von Tina Schelle und Jörg Wolfert, im Rahmen von Zwischenspiel ihre Arbeit als work in progress. Leere Wände füllten sich im Lauf mehrerer Wochen mit aktuellen Projekten, und der Ausstellungraum wurde zum temporären Atelier, in dem die Vielfalt der Aktivitäten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Kooperationen mit Schulen, Vereinen, Universitäten und vielen weiteren Institutionen für alle Besucher*innen zugänglich gemacht wurde.