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Feministisch Betrachtet – Charlotte Posenenske

mumok insider


Die Arbeit ent-täuscht – und das macht sie kräftig

Mit der Arbeit von Charlotte Posenenske können verschiedene Fragestellungen queer-feministischer Kunstbetrachtung diskutiert werden. Posenenske destabilisierte mit der Wahl ihrer Materialien und der an Gebrauchswaren erinnernden, „austauschbaren“ Ästhetik gewohnte, tradierte Künstler*innenbilder.

In Antike und Aufklärung wurde dem Männlichen* das Geistige und damit auch die Fähigkeit zum Genialen und Schöpferischen zugesprochen, während dem Weiblichen* das Körperliche und die Natur zugeordnet wurden. Diese Vorstellungen und Normen wirken bis in die Gegenwart hinein. Queer-feministische Kunsttheorie und -produktion sind hier wichtige Gegenkräfte. Zwar schuf Charlotte Posenenske ihre Kunstwerke nicht mit dem expliziten Anspruch, feministische Kunst zu produzieren, aber ihre Arbeiten sind mit einem politischen Interesse an gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen verbunden. Bei ihrer Arbeit fehlt das traditionell erwartete, „außergewöhnliche“ Genie und sein singulärer Ausdruck. Die Arbeit ent-täuscht.

Posenenske veränderte die Handlungsmöglichkeiten der „Kunstkonsument*innen“, die von ihr zur Mitgestaltung aufgefordert wurden. Und wieder galt es nicht, einer schöpferischen Subjektivität Raum zu verleihen, vielmehr inszenierte Posenenske den Rahmen für einen fragenden Dialog mit vorgegebenen Materialien, Elementen, Kombinationen, Kooperationen und den aus dem Gegebenen resultierenden Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Sie interessierte sich für Arbeitsabläufe, Sorgearbeit und Kooperationsformen im täglichen Arbeitszusammenhang in Fabriken und Familien. Für ihre Produktionen arbeitete sie mit Werkstätten zusammen und veräußerte ihre Arbeiten unlimitiert, unsigniert und zum Selbstkostenpreis. Weil sich ihr radikaler Ansatz der Gewinnvermeidung schlecht im Kunstfeld realisieren ließ, brach sie konsequent mit diesem und setzte ihre Arbeit und ihre Karriere in der soziologischen Forschung und in politischen Projekten fort.

Charlotte Posenenske war eine radikale Künstler*in, die, nachdem sie sich aus der Kunst zurückgezogen hatte, etwas vergessen wurde, jedoch heute wieder von großem Einfluss ist. Zum Beispiel erforschte 2013 das Künstler*innenduo Zwischenbericht (Anja Schoeller und Kerstin Polzin) bei dem Projekt WERKsHANDLUNGEN gemeinsam mit Insassen des Jugendgefängnisses Ebrach (Bayern) die Handlungsmöglichkeiten mit solchen Bauelementen.

Mikki Muhr