Sie sind hier

Daniel Spoerri, Hommage à R. Mutt, 1970

mumok insider


Daniel Spoerri
Hommage à R. Mutt, 1970
45 SW-Fotos, 2 Farbfotos, 88 kleinformatige Heftseiten, 3 A4-Seiten, handbeschrieben u. bezeichnet, ca. 135 x 202 cm
Ehemals Sammlung Hahn, Köln, erworben 2003

Hommage à R. Mutt ist ein Werk von Daniel Spoerri aus dem Jahr 1970 und hängt aktuell in der derzeit leider geschlossenen Ausstellung MISFITTING TOGETHER. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art. In der Vorbereitungsphase für die Ausstellung wurde Hommage à R. Mutt in das Restaurierungsatelier im mumok geholt. Es besteht aus handbeschriebenen Notizheftseiten und fast 50 Fotografien von Toiletten und Sanitäranlagen.

Richard Mutt, ein Pseudonym, welches Marcel Duchamp zugeschrieben wird, hat mit der Präsentation von Fountain aus dem Jahr 1917 die Kunstwelt des frühen 20. Jahrhunderts mit dem Typus des Readymade konfrontiert. Fountain ist, stark zugespitzt, ein mit „R. Mutt“ signiertes Urinal und wurde trotz oder sogar dank seiner verhinderten Präsentation im weiteren Verlauf der Kunstgeschichte zur „Readymade-Ikone“.

Daniel Spoerri knüpft gut 50 Jahre später in Hommage à R. Mutt an das Motiv des Urinierbeckens an. Angetrieben ist er dabei durch seine freundschaftliche Verbundenheit mit Duchamp, aber auch dadurch, dass er keinen Geringeren als den Erfinder des Readymade ehren will. Als provokantes Motto greift Spoerri in seinem handschriftlichen Konzeptpapier folgendes Zitat auf: „Die einzigen Kunstwerke, die Amerika hervorgebracht hat, sind seine sanitären Anlagen und seine Brücken. Marcel Duchamp 1917“ (siehe Bild 2).

Während seines New-York-Aufenthalts begann Spoerri vom 10. bis zum 20. April 1970 in einer ersten Arbeitsphase „The only works of art Amerika has given …“ zu fotografieren, überwiegend in Schwarzweiß und begleitet von Notizen in einem kleinen Heft. Hommage à R. Mutt war in dieser ersten Phase ein work in progress, eine sukzessive wachsende Materialsammlung und im Kern eine Konzeptarbeit.

Erst im nächsten Schritt, und möglicherweise mit zeitlichem Abstand, erfolgte die Montage der Fotos und Notizen in Form einer zweiteiligen gerahmten Arbeit. Dafür zerlegte Spoerri das Notizheft in einzelne Seiten. Rund 90 Seiten sowie knapp 50 ausgearbeitete Fotografien ordnete er in mehreren Reihen neben- und untereinander an und montierte sie zu einem etwa zwei Quadratmeter großen Querformat. Drei handschriftliche Konzeptseiten, die, ihrem Erscheinungsbild nach zu schließen, ebenfalls auf der Reise entstanden sein könnten, montierte und rahmte er auf die gleiche Weise.

Hommage à R. Mutt, ab dem Zeitpunkt der Montage ein „gerahmtes Bild“, ist einerseits zwar immer noch zusammenmontiertes Bildmaterial und hat damit starken Dokumentationscharakter. Andererseits gibt es aber nun auch eine stark gestaltete Bildfläche. Wir sehen eine Collage, wenn nicht sogar ein Materialbild vor uns, was mich zurückführt zur Oberfläche, zur Materialität und zu Fragen der Konstruktion.

Ins Restaurator*innen-Auge fällt die große Anzahl an mittlerweile deutlich gealterten Selbstklebebändern. Es ist nicht nur viel, sondern auch unterschiedliches Klebeband verwendet worden. An einer Stelle ist das farbige äußere Ende der Wicklung einer Klebeband-Rolle mit aufgeklebt – also jene herstellerseitige Markierung, die bei einer frischen Rolle anzeigt, wo der Anfang zu finden ist. Manche der Heftseiten und Fotos sind vom Wiederabziehen eines Klebebandes beschädigt worden. Es scheint, als wären hier im Arbeitsprozess Positionen der Fotos und Heftseiten verändert worden. Das Klebeband war also während des Montagevorgangs ein praktisches Mittel zum Zweck.

Da durch den Rahmen hindurch betrachtet keine weiteren Informationen zu gewinnen waren und es umgekehrt entscheidend war zu klären, wie stabil der gesamte Aufbau und die vorliegenden Materialien (noch) sind, wurde der große Rahmen geöffnet. Durch leichtes Anheben mit einem feinen Metallspatel wurden alle aufgeklebten Einzelelemente in Hinblick auf ihre Befestigung überprüft. Dabei zeigte sich, dass für die Montage nicht nur Klebeband, sondern vor allem eine große Menge flüssig aufgetragenen Klebstoffs verwendet worden war. Eine Schicht Klebstoff befindet sich unter jedem Foto, jeder Heftseite sowie an strategischen Stellen unter den Trägerpapieren. Alle Papierlagen und Collageelemente sind dadurch ausreichend gut miteinander verbunden. Warum aber liegt an der Bildoberfläche, auch an Stellen, die es nicht verlangt hätten, eine zusätzliche Befestigung mit Klebeband vor? Fast so, als würde das Klebeband andernfalls formal fehlen.

Das Klebeband ist hier Mittel zum Zweck und künstlerisches Gestaltungsmittel in einem. Die Mitverwendung des farbigen Abrollbeginns betont den Alltagskontext des Materials, das übrigens ebenfalls eine große Erfindung des 20. Jahrhunderts ist.

Karin Steiner, Papierrestauratorin im mumok