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Christian Kosmas Mayer – Der Fall Silene

mumok insider


Christian Kosmas Mayer – Die Wissenschaft mit Kunst zum Erblühen gebracht

Seit einiger Zeit wird in lokalen und internationalen Medien das Wiedererblühen einer eiszeitlichen Pflanze, deren Samen 32.000 Jahre lang im sibirischen Permafrostboden verborgen lagen, als wissenschaftliche Sensation gefeiert. Dass es nun Wissenschaftler_innen an der BOKU Wien gelungen ist, diese Pflanzen der Gattung „Silene“ gerade hierzulande zum Blühen zu bringen, ist dem Entdeckergeist und der Initiative des Künstlers Christian Kosmas Mayer zu verdanken. Er beschäftigt sich schon seit 2012 mit dieser ihn faszinierenden Pflanze, deren Samen von russischen Forschern 2010 entdeckt wurden, und fasste 2018 den Plan, sie als lebendes Objekt Teil seiner Ausstellung Aeviternity im mumok werden zu lassen. Um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen, machte er Prof. Margit Laimer von der BOKU auf den Pflanzenfund aufmerksam und bat sie um Unterstützung bei der Kontaktaufnahme mit den russischen Wissenschaftler_innen und dem Transfer der Pflanzensamen nach Wien. Es bedurfte erheblicher Überzeugungsarbeit von Seiten des Künstlers, um diese wertvollen Pflanzen erstmals aus Russland exportieren zu können und die Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaftler_innen der beiden Länder vor, während und nach der Ausstellung sicherzustellen.

Aber gerade diese Fakten werden in den Medienberichten, die sich mit Lob über die Leistungen der Wissenschaftler_innen überschlagen, durchwegs übergangen – wie zuletzt im ZEITmagazin. Die Schönheit der Blüte scheint dabei die Sicht auf die wahren Wurzeln dieser Pflanzengenese völlig verstellt zu haben. Auch dass die Kosten für die Betreuung der Pflanzen im Labor der BOKU vom Ausstellungsbudget des Museums getragen wurden und die organisatorische Arbeit des Transfers etc. vom Museumsteam geleistet wurde, findet keine Erwähnung.

Nun hätte man für die mediale Verwertung einen idealen Präzedenzfall für eine geglückte Kommunikation zwischen Kunst und Wissenschaft gehabt, und einen Künstler noch dazu, der in seiner Arbeit wissenschaftliche Forschung und künstlerische Kreativität auf innovative Weise verbindet – aber kein Rezensent ist auf die Idee gekommen, diesen Bonus bei seinen Leser_innen zu nutzen. Dass es eines Künstlers bedurfte, um die Wissenschaft anzustoßen und Interdisziplinarität im doppelten Sinn des Wortes zum Erblühen zu bringen, wäre doch als eine ebenso sensationelle Meldung wahrgenommen worden wie die Reanimation der „Silene“. 

Christian Kosmas Mayers Arbeit steht in der Tradition konzeptueller Kunst. In ihr gilt das Primat der Idee über die handwerkliche Ausführung. Diese Erkenntnis ist längst noch nicht überall in die Welt der Wissenschaft und des Journalismus vorgedrungen. Aber auch ohne diese kunsttheoretische Rechtfertigung und ohne das Verdienst der Wissenschaftler_innen schmälern zu wollen, sollte doch eines immer gelten: Die Wahrheit niemals aus den Augen zu verlieren.

Rainer Fuchs

Weiterlesen zum Thema:
Jenny Nachtigall, Zur Chronopolitik der Form oder die blaue Blume im Zeitalter der Biotechnologie, aus dem Katalog zur Ausstellung.
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