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Calle Libre II, Kyros

mumok insider


Vom Erbe des Großkönigs

 

Am 6. August gibt der Streetartist Kyros im Rahmen des Streetart-Festivals Calle Libre in Kooperation mit der mumok Kunstvermittlung einen Workshop für Jugendliche. Mumok Kunstvermittlerin Julia Draxler sprach mit ihm über seine Kunst, Krisen und die Eroberung des Außenraums.


Wer bist Du und was machst Du?

Ich bin Kyros, 32 Jahre alt und in Wien geboren. Meine Eltern kommen aus dem Iran, was bestimmt auch meine Kunst oder meinen Zugang zur Kalligrafie beeinflusst hat. Und ich mache Street Art.

Wie bist Du zur Kunst gekommen?

Mit 12, 13 habe ich mit Graffiti angefangen. Das ist eine Zeit lang gut gegangen, aber irgendwann wurde ich erwischt und es war schnell klar, das geht so nicht weiter. Dann war erst mal Pause mit Kunst oder Graffiti. Graffiti war für mich damals keine Kunst, das war eine Ausdrucksform: die Faszination von Buchstaben, der Wunsch, in der Gesellschaft Spuren zu hinterlassen, gesehen zu werden, aber auch ein Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen, ein Sich-Wehren gegen das, was die Gesellschaft einem so aufdrückt – ob das jetzt das Schulsystem ist oder die Normen, an die man sich halten muss. Graffiti war für mich immer eine sehr intuitive Reaktion darauf.

Durch die Schule habe ich mich recht lang durchgeboxt, dann habe ich zehn Jahre lang Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung studiert. Ich bin immer diesem Trugschluss aufgesessen (also für mich war es zumindest einer), dass ich eine Ausbildung brauche, um Fuß zu fassen in der Gesellschaft, Erfolg zu haben oder einfach einen Job, von dem ich leben kann. Mit dieser Vorstellung quälte ich mich dann durch die Uni, bis ich irgendwann gemerkt habe, ich bin auch gut in der Kunst, die ich mache. Irgendwann bekam ich meine ersten Auftragsarbeiten, konnte meine Miete davon bezahlen, und dann war für mich schnell klar, dass ich diesen Weg gehe (lacht).

Warum machst Du, was Du machst?

Ich habe schon den Anspruch, Dinge zu schaffen, die meiner Meinung nach gedanklich und emotional bestimmte Ebenen öffnen – Dinge, von denen wir durch das Bildungssystem abgetrennt wurden, dem Zugang zum Bauchgefühl zum Beispiel. Dieser Trugschluss, alles in der Welt über den Verstand und über die Ratio begreifen zu müssen. Was natürlich stimmt, man braucht den Verstand. Aber worum es heute gar nicht mehr geht, das ist die intuitive Ebene. Ich sehe mich ein bisschen darin, über meine Kunst diesen Kanal zu öffnen. Aber ob es funktioniert, das muss der/die Betrachter_in selbst entscheiden.

Woher bekommst Du Inspiration?

Aus meinem näheren und meinem weiteren Lebensumfeld. Und über meine eigenen emotionalen Welten, die sich in meinen Arbeiten ausdrücken, meine Träume … Mich inspirieren Menschen, denen ich zuschaue und die ich beobachte.

Wie hast Du den Lockdown erlebt, und hat dieser Deine künstlerische Arbeit beeinflusst?

Für mich war er, entgegen allen Erwartungen, total nahrhaft. Am Anfang war es ein ziemlicher Schock, weil ich gedacht habe, ich bin der Erste, dem etwas gestrichen wird. Es hat sich dann aber herausgestellt, dass sich auftragstechnisch einfach nur alles verschoben hat, zu meinem Glück, es geht nicht jedem aus der Branche so. Aber es war auf jeden Fall super inspirativ, weil ich in dieser Zeit auch mehr bei mir war und mich mit meinen eigenen Prozessen beschäftigen konnte, was ich davor immer so vor mich hingeschoben habe. Plötzlich war der Raum und die Zeit dafür da, das war irrsinnig reinigend.

Auch wenn Du es als sehr positiv erlebt hast, für viele war und ist die Corona-Zeit eine Krisenzeit. Würdest Du sagen, Krisen machen künstlerisch produktiv?

Ich glaube, es geht darum, sich zu fragen, was kann ich mit so schwierigen Situationen anfangen? Wie gehe ich mit meiner Angst um, wie setze ich mich damit auseinander, woher kommt sie? Wie fühlt sie sich an? Was macht sie mir? Was kann ich vielleicht daraus lernen?

Tendenziell ist jeder Mensch, der über längere Zeit allein ist, sehr ungern allein, weil er mit Dingen konfrontiert wird, die einfach da sind und denen man aus dem Weg gehen kann, weil die Tür immer offen ist. Und dann ist man gezwungen zuhause zu sitzen und sich das anzuschauen. Mein Glück ist, dass ich durch die Kunst den Zugang zu dieser unterbewussten Ebene bekomme.

Als Streetartist arbeitest Du viel im Außenraum. Im Lockdown waren die Menschen einerseits zuhause eingesperrt, anderseits durfte man teilweise wieder raus, aber Parks und Spielplätze waren zu. Hat sich für Deine Arbeit dadurch etwas verändert? Ich spiele da besonders auf Deine Playground-Projekte an.

Das Playground Design war ein Gemeinschaftsprojekt in der Steiermark, wo mehrere Familien eine alte Kaserne gepachtet haben und eine neue Form des Zusammenlebens ausprobieren. Es gibt dort einen richtig großen Asphaltparkplatz, der hauptsächlich von den Kindern genutzt wurde. Da kam dann die Landschaftsarchitektur ins Spiel: Wer sind die Hauptnutzer? Welche Wege gibt es? Wie kann man intervenieren? Und dann habe ich ein Form- und Farbkonzept ausgearbeitet, bei dem am Anfang die Idee war, Spielformen zu entwickeln, mit Hüpfspielen etc. Davon sind wir aber sehr schnell abgekommen. Ich wollte es dann lieber abstrakt halten, um kreative Prozesse anzustoßen und zu fördern. Am Ende sind die Kids von Eisscholle zu Lava gesprungen und haben ihre eigenen Spiele erfunden. Das hat Lust auf mehr gemacht. Es gibt einfach so viele Flächen in der Stadt, die man gestalten kann, die über eine künstlerische Intervention andere Funktionen bekommen können.

Noch eine kurze Frage: Ist Kyros Dein echter Name?

Ja! (lacht) – der volle Riesenpowername und gleichzeitig der volle Witz, weil ich immer gefragt wurde: „Aha, bist Du Grieche?“ (wegen dem griechischen Kebap) – „Nein, persischer Großkönig.“

Da haben Dir Deine Eltern ja ein ganz schönes Erbe in die Wiege gelegt, wenn man den Namen des angeblich barmherzigsten Eroberers aller Zeiten und frühesten Beispiels für Pluralismus und Toleranz trägt.

Ja genau, aber mittlerweile bin ich auch total von dieser Norm abgekommen, Erfolg haben zu müssen. Man kann einfach das machen, was sich gut anfühlt, im Idealfall davon leben und mit dem einfach in die Gesellschaft wirken und seinen Werten treu bleiben. In dem Sinn, dass man seine Tätigkeit auch nutzt, um Werte zu vermitteln, weil man Aufmerksamkeit bekommt, und damit auch eine gewisse Verantwortung einhergeht. Und das kann was Schönes sein, glaube ich.

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