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Calle Libre I, Axel Schindler

mumok insider


Mindset für Kunst und Krisen

Am 4. August gibt der Illustrationskünstler im Rahmen des Streetart-Festivals Calle Libre in Kooperation mit der mumok Kunstvermittlung einen Workshop zum Thema Marker-Malerei für Jugendliche. Im Gespräch mit mumok Kunstvermittlerin Julia Draxler erzählt er von seinem künstlerischen Werdegang und seiner familiär bedingten positiven Weltsicht.



Wer bist Du und was machst Du?

Ich heiße Axel Schindler, bin 29 Jahre alt und arbeite als Illustrator und Maler. Manchmal sage ich auch einfach, ich mache Bilder und Musik.

Wie bist Du zur Kunst gekommen?

Die klassische Antwort wäre, dass ich immer schon gern gezeichnet habe. Nach der Matura wollte ich unbedingt etwas Kreatives machen. Auf der Grafischen habe ich dann das Grafikdesign-Kolleg und die Meisterklasse gemacht. Im ersten Jahr sagt man Dir dort: „Du bist ein Kreativer“, im zweiten: „Vergiss es, Du musst jetzt nur noch Tabellen lernen“, und im dritten Jahr sagt man Dir, „Vergiss die ersten beiden Jahre, Du bist ein Künstler“. Ich bin dann direkt in die Illustration eingestiegen. Damit habe ich mir genau das ausgesucht, was am wenigsten Geld und Sicherheit gibt. Trotzdem bekam ich Aufträge. Später habe ich mich auch in der Malerei versucht, das war mir aber zuerst zu verstaubt. Bis ich merkte, wie frei und ehrlich Punkrock-Malerei sein kann. Irgendwann verstand ich, was ein guter Strich mit der richtigen Energie, mit dem richtigen Mindset für einen Unterschied machen kann. Das hat dann auf einmal eine riesige Tür aufgemacht, die eine große Liebe geschaffen hat. Es ist also eine Liebesgeschichte.

Warum machst Du, was Du machst?

Ich finde es schön, dass ich beim Zeichnen und Malen Regisseur sein kann, Hauptdarsteller, ich bin auf niemand angewiesen. Es ist etwas Machbares, auch wenn man wenig Zeit und Geld zur Verfügung hat. Genauso ist es auch in der Musik: Mein Ziel ist, dass meine Kunst und meine Musik zu einer Sprache werden.

Inspiriert das eine auch das andere bei Dir?

Absolut. Es gibt so witzige Momente, wenn man am Schreibtisch oder an der Leinwand steht und sich dann denkt, am liebsten würde ich einfach nur den ganzen Tag Gitarre spielen und an irgendwelchen Nummern arbeiten. Und dann sitzt man mit der Gitarre und denkt sich, dieses Repetitive und irgendwelche Übungen, das ist ja boah! Einfach malen, da kann einem nichts passieren. Am liebsten würde man sich dann zweiteilen und beides gleichzeitig machen. Für meine Weiterentwickelung hilft mir auch Studio Walls. Wir sind ein größeres Atelier mit bis zu 20 Leuten. Dieser konstante Austausch ist sehr spannend. Für ein offenes Atelier braucht es aber auch eine große Überwindung. Es kann ja mitunter unangenehm werden, wenn da etwas vor anderen Leuten nicht gleich funktioniert. Man kann dies aber mit der Einstellung umgehen, dass es keine „Fehler“ gibt, dass alles ein Prozess ist.

Wie geht es Dir damit, Deine Person ein Stück weit Preis zu geben?

Ich finde dieses „Hinter-die-Kulissen-Blicken“ total spannend. Auch bei mir merke ich, dass die Arbeit generell ein Zwiebeln, ein Schichten ist. Je mehr man von sich Preis gibt, desto größer kann der Impact sein, den man hat. Es hat also etwas von einer Enthüllung. Ich habe das Gefühl, dass das einfach auch zur Aufgabe des Künstlers gehört.

Hat die Corona-Zeit Dich künstlerisch in irgendeiner Form beeinflusst?

Sehr sogar. Ich habe davor im Shop meiner Familie ausgeholfen. Das ist immer noch das, was über lange Zeit die Miete sichert. Dies fiel dann weg und ich musste und konnte mehrere Wochen nur im Atelier und an Bildern arbeiten. Die Stadt war leer, und es gab auch kein Kontrastprogramm. Es war in der heißen Phase witzigerweise so, dass ich zwei Aufträge für Gemälde hatte, ich musste also ins Atelier. Es kam mir wirklich absurd vor, dass Leute Bilder kaufen, wenn gerade die ganze Wirtschaft bergab geht. Das hat aber auch wieder aufgezeigt, dass sich Leute etwas Gutes tun oder Künstler vielleicht unterstützen wollen. Wir haben darüber viel im Atelier diskutiert.

Auch wenn alles schlimm war, es gab ein Umdenken vieler Menschen, was ihre Lebenssituation betrifft: Wo bin ich? Was mache ich da eigentlich? Bin ich entbehrlich? Ist das, was ich mache, entbehrlich? Wie definiere ich Freizeit? Das sind ganz essenzielle Fragen, mit denen man konfrontiert war. Ich habe viele Entscheidungen getroffen, Einstellungen geändert, Kleinigkeiten, größere Sachen, die ohne Corona nicht passiert wären. Da bin ich auch ein krankhafter Positivseher, das liegt bei uns in der Familie.

Weil Du die Frage aufgeworfen hast, bin ich entbehrlich – man könnte auch systemrelevant sagen –: Wie schätzt Du die Bedeutung der Kunst für die Menschen ein?

Es gibt immer wieder Momente, die einen daran erinnern, warum man das macht. Momente, die einem zeigen, dass das, was man macht, wichtig ist. Zum Beispiel, wenn ich jemanden ein Bild gebe und man einfach sieht, wie sehr sich diese Person darüber freut, oder wieviel da auch von der Person hineininterpretiert werden kann. Da merke ich dann, das ist etwas Positives, das ist ein wunderschöner Energieaustausch, der da stattfindet.

Du hast ja die Krise mehr als Chance denn als Krise gesehen, aber würdest Du sagen, dass Krisen für Dich auch inspirierend sind?

Kommt drauf an, welche Krise. Krieg und Leid – nein. Aber Schaffenskrisen, Beziehungskrisen, Dinge, die mich in meinem Miniuniversum beschäftigen – die schon. Ich bin nicht immer mit einem Lachen an der Arbeit. Auch mit einem Hangover zu arbeiten, angeschlagen zu sein, kann spannend sein. Ich glaube, Du brauchst als Selbstständiger und auch als Künstler das Mindset, mit Krisen umzugehen. Ich kenne viele Leute, die sehr talentiert waren, die aber diesem Druck, dem Fragezeichen vor der nächsten Überweisung, nicht standhalten konnten. Deswegen stört mich auch der Spruch: „Kunst machen kann sich nicht jeder leisten“. Man braucht das Mindset, mit dem man da, wo andere Leute nur Krisen und Probleme sehen, auch Chancen erkennt.

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