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Bruce Nauman, Audio-Video Underground Chamber, 1972/1974

mumok collects


Bruce Nauman
Audio-Video Underground Chamber, 1972/1974

Medieninstallation, Beton, Kamera, Mikrofon, Beleuchtungsmittel, Monitor
Betonkammer: 70 × 90 × 220 cm, 250 cm tief
Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung, seit 2003

Out of the Box heißt unser mumok Blog – eine Anspielung auf die Form unseres Museumsgebäudes, auf die aktuelle Situation im März 2020, aber auch auf die englische Redewendung, die in etwa bedeutet: über den Tellerrand blicken. Was nur wenige wissen:

Unmittelbar hinter dem mumok und seiner bunkerähnlichen Fassade aus Lavabasalt liegt in etwa zweieinhalb Metern Tiefe ein Betongehäuse begraben. Sein Innenraum wird von einer Lampe beleuchtet und ist mit einem Mikrofon und einer Kamera ausgestattet: Die Kamera visiert das Mikrofon in diesem sonst vollkommen leeren Raum an, das Mikrofon nimmt umgekehrt die geräuschlose Aktion der Kamera in der absoluten Stille der Kammer auf. Sowohl das Kamerabild als auch der Ton können in einem Closed Circuit, also durch gleichzeitiges Aufzeichnen und Wiedergeben, in den Ausstellungsraum des mumok übertragen werden. Besucher_innen könnten dort beides auf einem kleinen Monitor, wie er früher in der Überwachungstechnik eingesetzt wurde, wahrnehmen – das Bild des leeren Raums und die Stille also, einzig überlagert durch das Eigengeräusch des Lautsprechers am Monitor. Wir sähen also das Mikrofon, wir würden die Kamera hören, beides aber nur medial vermittelt.

Das dualistische Prinzip zieht sich durch Naumans rätselhafte Installation wie ein roter Faden. Audio versus Video, Aufnahme versus Wiedergabe, sie stehen einander gegenüber, bedingen sich aber wechselseitig. Und Nauman konfrontiert uns noch mit weiteren Gegensatzpaaren: innen/außen, oben/unten beziehungsweise überirdisch/unterirdisch. Die Kammer wird für uns oberhalb der Erdoberfläche niemals zugänglich sein, aber „oben“, im Museum, können wir sehen und hören, was da unten in diesem seltsamen unterirdischen Innenraum passiert. Aber wozu sollen wir uns diese Ereignislosigkeit eigentlich antun?

Vor fast zweieinhalbtausend Jahren ließ Platon in seinem berühmten Höhlengleichnis seinen Lehrer Sokrates folgende Szene beschreiben: In einer unterirdischen Höhle, von der aus nur ein breiter Ausgang an die Erdoberfläche führt, leben Menschen, die nie das Tageslicht erblickt haben. Sie sind so gefesselt, dass sie mit dem Rücken zum Ausgang sitzen und nur die gegenüberliegende Wand betrachten können. Vom Ausgang wissen sie nichts. Die Höhle wird von einem Feuer weit hinter ihnen erhellt. An der Wand sehen die Gefangenen dadurch Schatten, aber nicht nur ihre eigenen, sondern auch Schatten von Gegenständen sowie von Figuren menschlicher Gestalt. Diese Figuren werden nahe dem Feuer von in Freiheit lebenden Menschen an der Erdoberfläche hin- und hergetragen. Von diesen freien Menschen wissen die Gefangenen aber nichts, vielmehr halten sie die Schatten der menschlichen Figuren für Lebewesen – zumal deshalb, weil sie die Echos der Stimmen von draußen, die an der Höhlenwand abprallen, für Äußerungen dieser „Lebewesen“ halten. Das, was sich auf der Wand abspielt, ist für die Menschen in der Höhle die Wirklichkeit.

Wenn wir vor diesem kleinen Bildschirm im Ausstellungsraum stehen würden, nähmen wir das simultan übertragene Geschehen aus dem Untergrund wahr. Bild und Ton wären wahr (so wie die Schatten im Höhlengleichnis), aber würde uns hier tatsächlich ein Zugang zur Wirklichkeit gelegt? Interessanterweise besitzt der Monitor eine „Talk-back“-Taste, jedoch funktioniert sie nicht. Sie weist damit auf einen kommunikativen Mangel hin: Wir können mit diesem hermetisch abgeschlossenen Raum nicht in Kontakt treten. Die Kammer bleibt zur Gänze auf sich selbst bezogen, uns bleibt die Rolle des Voyeurs/der Voyeurin (oder des/der Überwachenden).

Ein Zirkelschluss: Naumans Werk braucht uns, die wir gerade vor dem Monitor stehen, und doch schließt es uns im selben Atemzug von seinem eigentlichen Zentrum im Untergrund aus. Vielleicht, um dieses „Innerste“ intakt zu halten und von der Außenwelt abzuschotten, vielleicht um es von dem, was wir als Individuen mitbringen – unsere Erfahrungen und unser Wissen, unseren sozialen und ökonomischen Hintergrund, unsere politischen Ansichten et cetera – unberührt zu lassen. Es ist wohl eine Kritik am „reinen“, autonomen Kunstwerk der Moderne wie auch am minimalistischen Konzept, das die unmittelbare Präsenz und Erfahrbarkeit des Werks im Raum in den Vordergrund rückt. Beide Vorstellungen werden hier buchstäblich zu Grabe getragen.

Ines Gebetsroither