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Das Tier in Dir | Was für ein Zoo ist das Museum?

mumok insider


Manuela Ammer und Ulrike Müller kuratierten gemeinsam die Ausstellung Das Tier in Dir – Kreaturen in (und außerhalb) der mumok Sammlung. Es ist nicht ihre erste Zusammenarbeit. Manuela Ammer ist Kuratorin am mumok, Ulrike Müller ist bildende Künstlerin mit Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in New York. Hier geben die beiden einen Einblick in die kuratorische Arbeit an der Ausstellung.  

 


Wenn Museen Künstler*innen einladen, eine Sammlungsausstellung zu kuratieren, wird ganz explizit ein anderer Blick zugelassen. Was kann der?

Manuela Ammer: Wie viele Institutionen, die Wissen produzieren, muss auch das Museum die Grundlagen, die seine Arbeit stützen, neu definieren. Die Welt ist komplexer geworden, Wissen diverser: Aus einer „Geschichte“ wurden viele, und Kategorien wie „zentral“ oder „marginal“ zeigen nicht länger Qualität an, sondern Herrschaftsstrukturen. Will man dieser sich verändernden Gesellschaft gerecht werden, heißt es, neue Narrative zu finden. Eine Außenperspektive wie die einer Künstlerin oder eines Künstlers hilft, die eigene Position zu hinterfragen und sich der blinden Flecken bewusst zu werden.

Inwieweit lässt sich hier beim Künstler*innen-Blick im Vergleich zum kuratorisch-wissenschaftlichen von einem anderen Blick sprechen?

Ulrike Müller: Ich glaube, man sollte diese Differenz nicht überbewerten, in unserer Zusammenarbeit geht es eher darum, dass vier Augen mehr sehen als zwei. Für mich ist das besonders toll, weil ich ja sonst viel auf mich gestellt bin und Entscheidungen treffe, die dann erst viel später diskutiert und bewertet werden. Als Künstlerin schaue ich auch immer darauf, wie genau etwas gemacht wurde, welche Materialien zum Einsatz kommen und wie die Dinge zusammenhalten. Das trifft natürlich auch auf Formfragen zu, die ich wiederum nicht von Inhalt und Politik trennen möchte. Inhaltliche Zwänge mögen bei mir zwar selbstgewählt sein, sind deswegen aber nicht weniger real. Es geht ja nicht darum, mich zu verwirklichen, sondern darum, den Finger auf größere Fragestellungen zu legen, und da muss es Berührungen geben mit gesellschaftlichen Anliegen und Bedeutungen.

Zum Begriff des „Kuratierens“: Bis vor nicht allzu langer Zeit hätte ein Laie damit nicht viel anfangen können. Heute werden auch das Outfit und der Social-Media-Auftritt  kuratiert. Gibt es hier Aspekte, die dem Kuratieren im Ausstellungskontext nahekommen?

Manuela Ammer: Ich würde sagen, ja. Auch bei Ausstellungen geht es letztlich darum, Zusammenhänge zu vermitteln, Haltungen glaubhaft zu machen. So etwas funktioniert – nicht nur, aber auch – über Materialien, Farben und Formen sowie räumliche Entscheidungen. Die intelligenteste Ausstellungsidee wird scheitern, wenn sie sich nur an die Köpfe der Besucher*innen richtet, deren Körper aber außen vor lässt. Der wichtigste Unterschied zum Kuratieren des Social-Media-Auftritts liegt vielleicht darin, dass es bei Ausstellungen nicht zwingend um eine positive Erfahrung geht. Auch Frustration, das Nicht-Sofort-Verstehen oder Sich-Ausgeschlossen-Fühlen können Teil der Dramaturgie sein.

Glaubt ihr, dass Besucher*innen die Bedeutung der Kuratorin oder des Kurators für eine Ausstellungspräsentation überhaupt bewusst ist beziehungsweise heute stärker bewusst ist?

Manuela Ammer: Ich denke, mit Ausstellungen verhält es sich ähnlich wie mit Filmen. Manche interessieren sich dafür, wer im Hintergrund die Fäden zieht, für die Maske, den Sound oder die Stunts verantwortlich zeichnet, andere nicht. Ich freue mich, wenn man meine Arbeit anerkennt, aber letztlich sind für das Gelingen einer Ausstellung viele Menschen verantwortlich, und es geht nicht darum, dass Besucher*innen einzelne Namen mit nach Hause nehmen. Grundsätzlich hat die Celebrity-Kultur, in der wir leben, sicher dazu beigetragen, dass punktuell auch Kurator*innen als öffentliche Figuren wahrgenommen werden.

Wie habt ihr diese Sammlungsausstellung erarbeitet und was sind die Spezifika der mumok Sammlung?

Ulrike Müller: Über repräsentative Bestände verfügt das mumok beispielsweise in den Kunstströmungen der 1960er-Jahre – Pop Art, Minimal Art, Konzeptkunst, Wiener Aktionismus –, aber Manuela und mich interessieren auch die unbeleuchteten Ecken der Sammlung: künstlerische Positionen, die länger nicht gezeigt wurden oder zum Zeitpunkt ihres Wirkens wenig Beachtung fanden. In Vorbereitung zu dieser Ausstellung haben wir uns die Frage gestellt, was für eine Art von Zoo eigentlich das Museum ist. In welchen Sammlungswerken kommen Tiere als Motiv vor? Wo tauchen Felle, Knochen, Federn – das Tier als Material – auf? Dass wir in einer Sammlung des 20. und 21. Jahrhunderts dabei auf etwa 500 Werke stoßen, hätten wir nicht gedacht … Ausgehend davon haben wir dann Themenfelder entwickelt, die uns für die Gegenwart relevant erscheinen und anschließend die Auswahl verkleinert, zugespitzt und – wo notwendig – um Leihgaben ergänzt.

Kann man verallgemeinern, dass aus der jeweiligen Profession heraus für Künstler*innen andere Aspekte einer Sammlung spannend sind als für Kurator*innen?

Manuela Ammer: Allgemein ist es vielleicht so, dass man Kurator*innen ein stärker kunsthistorisches Interesse unterstellt, aber ich habe den Eindruck, dass Ulrike und ich recht ähnliche Fragen an die Sammlung haben. Uns ging es weniger um die „beste“ Kunst oder die „wichtigsten“ Künstler*innen, sondern darum, wie man Geschichte(n) anders erzählen kann.

Ulrike Müller: Bleiben wir bei der Analogie zwischen Zoo und Museum, geht es etwa nicht nur um das Tier als Motiv, sondern auch darum, in welchem „Rahmen“ Kunst präsentiert wird und wer welche Einordnungen vornimmt. Kurzum: Auch das Museum ist ein Ort, wo dominiert und domestiziert wird.

Eine Sammlung prägt auch die Identität eines Hauses. Was interessiert Euch jeweils besonders an der mumok Sammlung? Was schätzt Ihr am Zugang der jeweils anderen?

Manuela Ammer: Die Sammlung des mumok überrascht mich immer wieder, weil sie eben nicht so funktioniert wie beispielsweise die des MoMA in New York. Sie hat substanzielle Lücken, enthält aber ebenso viele Schätze, wenn man nicht den Kanon als Maßstab nimmt. Das zwingt einen geradezu, nach alternativen Erzählungen zu suchen und Pfade abseits eines kunsthistorischen Konsens zu beschreiten. Ulrike tut dies auch in ihrer eigenen künstlerischen Arbeit und bringt eine entsprechende Sensibilität mit, die ich enorm an ihr schätze. Sie weiß um die Abläufe in Institutionen und respektiert diese, beharrt in den richtigen Momenten aber auch darauf, mit Prozedere zu brechen. Nicht zuletzt hat sie ein wahnsinnig gutes Auge, und ich lerne auch noch nach Jahren der engen Zusammenarbeit von ihr.

Eine Frage an Ulrike: Empfindest Du das museale Korsett als ein enges, das die künstlerische Freiheit einbremst, oder macht es sogar Spaß, ist das Korsett vielmehr Inspiration als Käfig?

Ulrike Müller: Ich sehe das Museum nicht als Korsett oder als Käfig, sondern vielmehr als historische Gegebenheit, eine Anhäufung von Dingen, die von Menschen gemacht und von anderen über die Jahrzehnte als der Aufbewahrung und des Ausstellers wert befunden wurden. So betrachtet verliert die Institution ihren monolithischen Anschein und wird zu einem Ort, an dem sich Entscheidungen und Wertvorstellungen akkumulieren. Da intervenieren zu dürfen, ist ein Privileg: Mich interessiert es, Dinge zum Sprechen zu bringen und zu fragen, was wir genau jetzt damit anfangen können. Unsere Ausstellung hat ja eigentlich mit dem Titel Das Tier in Dir angefangen, den Manuela vor mehreren Jahren an mich herangetragen hat. Wie es sich herausstellt, kann man bei alltagskulturellen Dingen wie Memes und süßen Tierbaby-Videos auf Social Media ansetzen und zu einer Ausstellung gelangen, die das Museum in gesellschaftliche Macht- und Gewaltstrukturen verstrickt und zugleich Raum schafft für Lebensfreude, Kreativität und Reflexion.

 


Manuela Ammer ist Kuratorin am mumok.
Ulrike Müller ist bildende Künstlerin mit Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in New York. Ihre Arbeiten waren u. a. auf der Kairo-Biennale 2011 sowie der Biennale von Venedig 2019 vertreten und finden sich in der mumok Sammlung.
Das Interview führte Katharina Murschetz, Presseleitung mumok.