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In Richtung Unendlichkeit | Ein Bilderessay von Jesse Stecklow

mumok insider


Der in Los Angeles lebende Künstler Jesse Stecklow hat einen visuellen Essay für unseren Blog kreiert. Seine erste museale Einzelausstellung in Europa mit dem Titel Terminal ist noch bis zum 25. September 2022 zu sehen.

Einen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung mit der Kuratorin Marianne Dobner und dem Kurator für Kunstvermittlung Jörg Wolfert finden Sie auf unserer Video on Demand-Seite.

 


In Richtung Unendlichkeit
Wie geht es weiter mit der Arbeit?
 

Während der Arbeit an dieser Ausstellung wurde mir klar, dass ein erstes Kapitel meiner Arbeit sich dem Ende zuneigt. Der Titel Terminal verweist deutlich auf einen Endpunkt – aber eben auch auf einen Ort, von dem aus man abhebt, abfliegt. Treu bleiben dieser Phase meiner Arbeit, sie aber ziehen lassen … ich merke, wie sehr es sich hier um etwas handelt, das ich gerne im Hintergrund laufen lassen würde, sich ständig bis in alle Ewigkeit selbst neu schaffend.

Nicht lange nach der Installation wurde mir klar, dass ich ja Spiegel an den hintersten Wänden des Ausstellungsraums hätte anbringen können. Um so einen Effekt zu kreieren, als setzten sich die Tische und die Werkgruppen wenigstens in Form eines Spiegelbilds fort. Seither habe ich andere, eher konzeptuelle Wege gefunden, um die Möglichkeit der Unendlichkeit im Rahmen meiner Arbeit auszuloten.

Im Frühsommer hatte ich einen Zugang zur Beta-Version von DALL•E 2 bekommen, einer bildgenerierenden AI-Software auf Basis von General Adversarial Networks (GANs), die Bilder entsprechend einer Text- oder Bildeingabe kreiert. Der Algorithmus wird über gewaltige Berge von Onlinebildern trainiert und lernt auf diesem Weg, das Aussehen der Welt zu verstehen.

Schon bevor mir dieses Werkzeug zugänglich war, hatte ich mit GANs experimentiert. Ich hatte sie mit Bildern alter Arbeiten gefüttert, um auf deren Grundlage Bilder möglicher zukünftiger Werke zu schaffen – eine Art Skizzenbuch, in dem sich in Kollaboration mit einer AI neue Iterationen innerhalb des eigenen Werks austesten lassen. Nun habe ich begonnen, DALL•E 2 mit Beschreibungen meiner Arbeiten in der Ausstellung und den Angaben aus der Materialliste zu füttern. Ich möchte auf diesem Weg parallele Arbeiten schaffen oder meine Skulpturen mit Inhalten noch einmal nachbauen, die sich aus der Geschichte der online verfügbaren Bilder ergeben. Mit DALL•E 2 ist es zwar möglich, Bilder auf der Grundlage von Bildeingaben zu schaffen, doch ich bin mehr und mehr daran interessiert, Kunstwerke über den Umweg der Sprache zu produzieren – als beschriebe ich einer*m Freund*in meine Arbeiten. Dieses Vorgehen liefert zudem tendenziell genauere Resultate.

Theoretisch lassen sich solche potenziellen Werke endlos generieren. Sie reiben sich an den formalen Ecken und Kanten meiner Arbeiten und wenden bestimmte visuelle Strategien an, um die Einzelteile der Skulpturen zu imitieren. So gesehen handelt es sich um Vorschläge, die auf Grundlage der Vergangenheit gemacht werden, aber in Gegenwart und Zukunft existieren – der Vollzug einer unendlich variablen Reihe von Kunstinterpretationen.

Meine Arbeit besteht zu weiten Teilen darin, Material durch ein System zu quetschen, es dabei in Information zu verwandeln und diese Information anschließend wieder zu verwenden, um neues Material zu schaffen. Um diese Form des Arbeitens zusammenzufassen, war es naheliegend, die Ausstellung im Ganzen zu nehmen und sie durch ein anderes Übersetzungssystem zu jagen. Dieses Nacherzählen, in dem sich unterschiedliche Zeitstränge überlagern, kommt meinem Interesse an Simultaneität und dem Gefühl für das stets präsente Unendliche langsam aber sicher immer näher.

 

Jesse Stecklow