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Kollaborationen: Soziale Utopien | Yoko Ono

mumok insider


Im Rahmen der aktuellen Ausstellung Kollaborationen stellen wir Ihnen über den Sommer ausgewählte Werke vor. Nach dem Paar als kleinster kollaborativer Einheit und der Gruppe in Form von Künstler*innenzusammenschlüssen rücken wir nun soziale Utopien in den Fokus. Unter diesem Schlüsselbegriff sehen wir uns Werke an, die sich mit Modellformen des Gemeinschaftlichen befassen oder – das emanzipatorische Potenzial von Kunst auslotend – selbst neue Formen von Gemeinschaft hervorbringen.
 


Yoko Ono
White Chess Set, 1966

Trotz der gänzlich in Weiß gehaltenen Figuren mag der Spielstand auf Yoko Onos White Chess Set auf den ersten Blick aussehen wie ein sogenanntes Bauernendspiel – ein Thema, zu dem Marcel Duchamp eine eigene Abhandlung publiziert hat.(1) Ursprünglich war das White Chess Set jedoch vollständig.

Tatsächlich zielte die Künstlerin auf die Erfahrung einer friedlichen Einigung ab – konträr zu den Prinzipien des Schachspiels, denen zufolge der/die überlegene Spieler*in ein Patt zu vermeiden trachtet und die systematische Annihilation der gegnerischen Figuren zum Ziel hat. Voraussetzung für eine solche Einigung wäre der Versuch, sich an vereinbarte Spielregeln zu halten, gepaart mit begrenzter Merkfähigkeit (Profispieler*innen würden sich von uniform weißen Spielsteinen und ‑feldern natürlich kein bisschen verwirren lassen). So könnte die Spieldramaturgie von anfänglicher Angriffslust bei noch übersichtlichen Verhältnissen bis hin zu heilloser Verwirrung führen. Im Grunde wäre zunehmende Verzweiflung auf beiden Seiten geradezu die beste Voraussetzung für eine kathartische Umdeutung des Spielprinzips zugunsten eines amikalen Friedensschlusses – eine erschöpfende, aber umso stärkere, vielleicht prägende positive Erfahrung, die das Potenzial hätte, im Sinne einer gesellschaftsverändernden Beuys’schen sozialen Plastik wirksam zu werden.

Patrick Puls

(1) Marcel Duchamp & Vitali Halberstadt, Opposition et Cases Conjuguées sont réconciliées par Duchamp & Halberstadt / Opposition und Schwesterfelder sind durch Duchamp & Halberstadt versöhnt / Opposition and Sister Squares are reconciled by Duchamp & Halberstadt, Paris/Brüssel 1932. Deutsch: Marcel Duchamp & Vitali Halberstadt, Opposition und Schwesterfelder, Köln 2001.


 

Die Texte zu den Werken entstammen dem Ausstellungskatalog Kollaborationen. Hier geht es zum Katalog.