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Kollaborationen: Soziale Netzwerke | Ree Morton

mumok insider


Im Rahmen der aktuellen Ausstellung Kollaborationen stellen wir Ihnen über den Sommer ausgewählte Werke vor. Nach dem Paar als kleinster kollaborativer Einheit, der Gruppe in Form von Künstler*innenzusammenschlüssen und der Kollaboration als sozialer Utopie wenden wir uns sozialen Netzwerken zu, die Künstler*innen(gruppen) in unterschiedlicher Weise reflektier(t)en.

Seit den 1960er-Jahren haben sich Künstler*innen immer wieder mit den immateriellen Netzwerkstrukturen, in die sie eingebettet sind, auseinandergesetzt. Dabei kommen etwa materielle Agenten wie diagrammatische Darstellungen im Falle von Georges Maciunas zum Einsatz, die es ermöglichten, große Datenmengen zur historischen Genealogie von Fluxus zu komprimieren und dabei den Eindruck wissenschaftlicher Evidenz zu vermitteln. Vertreter*innen der Mail Art wie Ray Johnson wiederum generieren virtuelle Karten, indem sie Briefe auf dem Postweg an Akteur*innen des Kunstbetriebs versenden. Damit spinnen sie ein Netz an Kompliz*innen, Orten, Handlungen und Informationen, das an Manuel Castells’ aktuelle Definition des Netzwerks als „Reihe miteinander verknüpfter Knoten“ denken lässt. Ree Morton hingegen bedient sich für ihr sehr persönliches, affektives Beziehungspanorama Something in the Wind (1975) der Zeichensprache der Heraldik: für jeden Menschen, mit dem sie sich – über familiäre, freundschaftliche oder professionelle Bande – verbunden fühlte, gestaltete Morton eine Fahne.


Ree Morton
Something in the Wind, 1975

Something in the Wind (1975) besteht aus leuchtend bunten Fahnen, die – zu einer Art Gobelin zusammengestellt – an der Wand gezeigt werden können. Die erste öffentliche Präsentation fand allerdings im Hafen New Yorks statt, wo Morton die Fahnen auf einem Fischereischiff aus dem 19. Jahrhundert installierte. „Ich habe eine Fahne für jeden Menschen in meinem Leben angefertigt, dem ich mich irgendwie verbunden fühle“, so die Künstlerin. „So feiere ich diese Menschen und verorte gleichzeitig mein eigenes Ich in der Welt, indem ich die Menschen um mich herum beim Namen nenne.“(1) Tatsächlich finden sich auf den von Hand genähten und bemalten Fahnen die Vornamen einer Reihe von Personen aus Mortons Umfeld: von Familienmitgliedern, aber auch von Künstlerinnen und Künstlern (Barbara Kruger, Gordon Matta-Clark, Laurie Anderson, Cynthia Carlson und so weiter), jeweils mit von der Heraldik inspirierten Motiven kombiniert, die oft auf „Luftiges“ verweisen (Vögel, Drachen, Wolken, Schmetterlinge, Fächer …). Auf Skizzen ist folgerichtig von einem „Relations-Ship“ die Rede. Morton macht mit ihrer Arbeit jedoch nicht nur Autobiografisches „öffentlich“, stellt es – wie ihre Skizzenbücher demonstrieren – der Idee eines Familienwappens folgend aus, sondern verleiht ihm auch einen festlichen Charakter. Nicht das einsame „Künstlergenie“ wird hier gefeiert, sondern das soziale und kreative Gefüge, in das künstlerische Praxis stets eingebettet ist.

Manuela Ammer

1 Ree Morton, Attitudes towards Space Environmental Art, Ausst.-Kat. Mount St. Mary’s Art Gallery, Los Angeles 1977, o. S., zit. nach Ree Morton Retrospective 1971­1977, Ausst.-Kat. The New Museum, New York 1980.


Die Texte zu den Werken entstammen dem Ausstellungskatalog Kollaborationen. Hier geht es zum Katalog.