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Kollaborationen: Soziale Netzwerke | Kerstin von Gabain und Nino Sakandelidze

mumok insider


Im Rahmen der aktuellen Ausstellung Kollaborationen stellen wir Ihnen über den Sommer ausgewählte Werke vor. Nach dem Paar als kleinster kollaborativer Einheit, der Gruppe in Form von Künstler*innenzusammenschlüssen und der Kollaboration als sozialer Utopie wenden wir uns sozialen Netzwerken zu, die Künstler*innen(gruppen) in unterschiedlicher Weise reflektier(t)en.

Seit den 1960er-Jahren haben sich Künstler*innen immer wieder mit den immateriellen Netzwerkstrukturen, in die sie eingebettet sind, auseinandergesetzt. Dabei kommen etwa materielle Agenten wie diagrammatische Darstellungen im Falle von Georges Maciunas zum Einsatz, die es ermöglichten, große Datenmengen zur historischen Genealogie von Fluxus zu komprimieren und dabei den Eindruck wissenschaftlicher Evidenz zu vermitteln. Vertreter*innen der Mail Art wie Ray Johnson wiederum generieren virtuelle Karten, indem sie Briefe auf dem Postweg an Akteur*innen des Kunstbetriebs versenden. Damit spinnen sie ein Netz an Kompliz*innen, Orten, Handlungen und Informationen, das an Manuel Castells’ aktuelle Definition des Netzwerks als „Reihe miteinander verknüpfter Knoten“ denken lässt. Ree Morton hingegen bedient sich für ihr sehr persönliches, affektives Beziehungspanorama Something in the Wind (1975) der Zeichensprache der Heraldik: für jeden Menschen, mit dem sie sich – über familiäre, freundschaftliche oder professionelle Bande – verbunden fühlte, gestaltete Morton eine Fahne. Die Reihe beginnt jedoch mit einer aktuelleren Arbeit, Kerstin von Gabains und Nino Sakandelidzes DOLLHOUSE OF A POEM aus dem Jahr 2017, einem Puppenhaus, an dem über 50 Künstler*innen mitwirkten.


Kerstin von Gabain und Nino Sakandelidze
DOLLHOUSE OF A POEM, 2017

Beteiligte Künstler*innen: Ismini Adami, Daphne Ahlers, Minda Andrén, Rani Bageria, Nouria Behloul, Adrian Buschmann, Simone Carneiro, Schirin Charlot, Clegg & Guttmann, Dark Disko (Rade Petrasevic/Philipp Ruthner), Alessio Delli Castelli, Marco Dessi, Daniel Ecker, Philipp Friedrich, Bernhard Frue, Kerstin von Gabain, Marcus Geiger, Franz Graf, Martin Grandits, Begi Guggenheim, Hannah Hansel, Anne Hardy, Max Henry, Richard Hoeck, Natia Kalandadze, Benedikt Ledebur, Michael Lukas, Constantin Luser, Albert Mayr, Emma McMillan, Thea Moeller, Johann Neumeister, Daniel Peterson, Roshi Porkar, Noushin Redjaian, George Rei, Rosa Rendl, Daniel Richter, Alex Ruthner, Nino Sakandelidze, Hanno Schnegg, Bjørn Segschneider, Ania Shestakova, Tamuna Sirbiladze, Nino Stelzl, Lilli Thiessen, Sophie Thun, Cathrin Ulikowski, Franz West, Anita Witek, Sasha Zalivako, Edin Zenun, Heimo Zobernig, Christina Zurfluh

Auf Initiative von Kerstin von Gabain und Co-Kuratorin Nino Sakandelidze haben mehr als 50 Künstler*innen der Wiener Szene und deren Netzwerk die Räume eines alten Puppenhauses mit eigens dafür geschaffenen Werken in Miniaturformat bestückt und das Relikt aus vergangener Zeit zu neuem Leben erweckt. DOLLHOUSE OF A POEM wurde als kuratorisches Gemeinschaftsprojekt konzipiert. Der Entstehungsprozess spiegelt die Praxis kollaborativen Wirkens und geteilter Autor*innenschaft wider; jedes eingebrachte Werk funktioniert für sich und fügt sich gleichzeitig in ein neues Gemeinschaftswerk – ein Miniaturmuseum – ein. Gerade außerhalb des institutionellen Schutzraumes, innerhalb prekärer Strukturen der Kunstproduktion oder unter dem Druck der permanenten Eigeninitiative und Selbstdisziplin, kann ein Netzwerk aus verschiedenen Akteur*innen von Nutzen sein, um als Künstler*in im komplexen Gefüge des Kunstbetriebs bestehen zu können oder sichtbar zu bleiben. Kerstin von Gabain liefert ein Beispiel dafür, wie kollegiale Vernetzung ganz unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen zusammenbringen, produktiven Austausch fördern und zu gemeinsamer Präsenz verhelfen kann.

Sandra Adam


Die Texte zu den Werken entstammen dem Ausstellungskatalog Kollaborationen. Hier geht es zum Katalog.