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Kollaborationen: Soziale Netzwerke | George Maciunas

mumok insider


George Maciunas Diagram of Historical Development

George Maciunas
Diagram of Historical Development of Fluxus and Other 4-Dimensional, Aural, Optic, Olfactory, Epithelial and Tactile Art Forms, 1973/1998
© George Maciunas Foundations Inc., New York

 


Im Rahmen der aktuellen Ausstellung Kollaborationen stellen wir Ihnen über den Sommer ausgewählte Werke vor. Nach dem Paar als kleinster kollaborativer Einheit, der Gruppe in Form von Künstler*innenzusammenschlüssen und der Kollaboration als sozialer Utopie wenden wir uns sozialen Netzwerken zu, die Künstler*innen(gruppen) in unterschiedlicher Weise reflektier(t)en.

Seit den 1960er-Jahren haben sich Künstler*innen immer wieder mit den immateriellen Netzwerkstrukturen, in die sie eingebettet sind, auseinandergesetzt. Dabei kommen etwa materielle Agenten wie diagrammatische Darstellungen im Falle von Georges Maciunas zum Einsatz, die es ermöglichten, große Datenmengen zur historischen Genealogie von Fluxus zu komprimieren und dabei den Eindruck wissenschaftlicher Evidenz zu vermitteln. Vertreter*innen der Mail Art wie Ray Johnson wiederum generieren virtuelle Karten, indem sie Briefe auf dem Postweg an Akteur*innen des Kunstbetriebs versenden. Damit spinnen sie ein Netz an Kompliz*innen, Orten, Handlungen und Informationen, das an Manuel Castells’ aktuelle Definition des Netzwerks als „Reihe miteinander verknüpfter Knoten“ denken lässt. Ree Morton hingegen bedient sich für ihr sehr persönliches, affektives Beziehungspanorama Something in the Wind (1975) der Zeichensprache der Heraldik: für jeden Menschen, mit dem sie sich – über familiäre, freundschaftliche oder professionelle Bande – verbunden fühlte, gestaltete Morton eine Fahne.


George Maciunas
Diagram of Historical Development of Fluxus and Other 4-Dimensional, Aural, Optic, Olfactory, Epithelial and Tactile Art Forms, 1973–1998

Fluxus war die erste globale Anti-Kunst-Bewegung. Mit anarchischer Freude machten sich US-amerikanische, asiatische und europäische Künstler*innen in den 1960er- und 1970er-Jahren daran, die letzten Reste der Hochkultur spielerisch zu beseitigen: Fluxus war damit eine der letzten Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts. Unter dem Einfluss von östlichem Zenbuddhismus und westlichem Dadaismus mischten sie Elemente der bildenden Kunst mit den performativen Künsten. Durch eine Reihe von Fluxus-Festivals in Wiesbaden, Kopenhagen, Stockholm, Amsterdam, London und New York entstand eine lose, aber eingeschworene Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

George Maciunas, der als Spiritus Rector fungierte, setzte bewusst auf Diagramme und Schautafeln, um der Bewegung Historizität zu verleihen und sie von anderen Neoavantgarden abzugrenzen (als ausgebildetem Grafiker lag ihm das Prinzip der Schautafel als ästhetisches Instrument nahe). Nach dem Vorbild von Chronologie und Synopse entwickelte er schon während seines anschließenden Kunstgeschichtsstudiums grafische Darstellungen, mit denen sich große Datenmengen komprimieren und veranschaulichen ließen, weitere Inspiration waren Serienmöbel von Oswald Ungers oder Charlotte Perriands vertikale Schubladensysteme. Seine ersten Überlegungen zu einem Diagramm über Fluxus reichen in die frühen 1960er-Jahre zurück. In Time-Space Diagram von 1962 betont er zwischen den Extremen von Zeitkunst und Raumkunst verschiedene mediale Übergangsformen und begreift Fluxus damit bereits als alle künstlerischen Disziplinen umfassende Strömung. Um 1965 verdichtete er die geschichtliche Herkunft von Fluxus mit dem Fluxus-Netzwerk in Fluxus (Its Historical Development and Relationship to Avant-garde Movements). Etwa ein Jahr später, Ende 1966, erschien das begrifflich weiter präzisierte Expanded Arts Diagram. Das Diagram of Historical Development of Fluxus and Other 4-Dimensional, Aural, Optic, Olfactory, Epithelial and Tactlile Art Forms ist das letzte Fluxus-Diagramm von Maciunas aus dem Jahr 1973 und reagiert auf Kritik an dem vorangegangenen, indem es von ihm ausgeschlossene und zuvor nicht aufgeführte Weggefährten aufnimmt.(1)

Nina Zimmer
 

1 Siehe das Kapitel „Fluxus im Fluss der Zeit“, in: Astrit Schmidt-Burkhardt, Stammbäume der Kunst. Zur Genealogie der Avantgarde, Berlin 2005, S. 357–390, insbesondere S. 380 ff.


Die Texte zu den Werken entstammen dem Ausstellungskatalog Kollaborationen. Hier geht es zum Katalog.