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Das Tier in Dir | Interview mit Tierethikerin Judith Benz-Schwarzburg

mumok insider


Die Reduzierung der Frau und des Tieres auf das Fleisch läuft parallel

Wir haben Judith Benz-Schwarzburg, Tierethikerin am Messerli Forschungsinstitut in Wien, zur Mensch-Tier-Beziehung befragt. Das interuniversitäre Forschungsinstitut widmet sich sämtlichen Aspekten dieses Verhältnisses. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen dem Wohl der Tiere ebenso wie dem Menschen zugutekommen.

 


Was genau wird im Messerli-Institut erforscht?

Der Fokus des Instituts liegt auf drei Bereichen: Philosoph*innen beschäftigen sich mit Fragen des ethisch angemessenen Umgangs mit Tieren. In der Abteilung für Biologie respektive Vergleichende Kognitionsforschung erforschen die Kolleg*innen die sozialen und emotionalen Fähigkeiten von Tieren. Und ein dritter Bereich widmet sich der Komparativen Medizin, die Veterinärmedizin und Humanmedizin zueinander in Beziehung setzt.

Stellt die Nutzung von Versuchstieren in der Medizinforschung dabei einen Ausgangspunkt dar?

In der Humanmedizinforschung werden Tiere vielfach als Versuchstiere eingesetzt. Die Erkenntnisse aus den Tierversuchen kommen allerdings selten den Tieren selbst zugute. Die Komperative Medizin versucht, auch die Tiere als Patient*innen in die Forschung miteinzubeziehen. Mensch und Tier teilen dieselbe Umgebung. Tiere sind denselben Umweltfaktoren ausgesetzt wie wir, was sich zum Beispiel darin äußert, dass auch Tiere an bestimmten Allergien leiden. Die Allergieforschung beim Menschen und dem Tier ebenso wie die Krebsforschung miteinander in Verbindung zu bringen, ist medizinisch sehr sinnvoll, da die Bedingungen für die Erkrankungen ähnlich sind.

Woher kommt das große wissenschaftliche Interesse an den Tier-Mensch-Beziehungen?

Wenn wir gesamtgesellschaftlich überlegen, wo Tiere in unserem Leben eine Rolle spielen, dann stellen wir fest: überall. Da wären die Produkte, die wir herstellen und die an Tieren getestet werden oder aus tierischen Materialien bestehen. Wir essen Tiere. Wir setzen sie in Therapien wie der Animal Assisted Therapy oder als sogenannte Social Support Animals ein. Tiere werden in Shows und im Zoo betrachtet, sie dominieren die Social-Media-Kanäle und werden sogar im Krieg eingesetzt.

Dass im Krieg auch Tiere im Einsatz sind, rückt gerade wieder stärker ins Bewusstsein.

Ja, Russland setzt aktuell die ehemaligen ukrainischen Kampfdelfine, die es im Zuge der Eroberung der Krim erbeutet hat, zur Bewachung des Hafens von Sewastopol ein. Wobei Tiere schon lange im Militärdienst sind.

Für welche Einsätze werden Delfine denn herangezogen?

In den USA werden sie zum Beispiel in Einheiten mit militärischen Taucher*innen darauf trainiert, Minen aufzuspüren und zu entschärfen. Wie übrigens auch afrikanische Riesenhamsterratten. Auch sie werden zur Entschärfung von Minen eingesetzt, da sie so leicht sind, dass sie die Minen nicht auslösen. Ähnlich wie Hunde, die Drogen oder Sprengstoff erschnüffeln, werden sie auf den Geruch trainiert.

Haben Sie, ausgehend von den ethischen Fragen der Tier-Mensch-Beziehung, ein wissenschaftliches Interesse am Kulturbereich?

Ich komme ursprünglich aus der Philosophie und habe immer schon interdisziplinär geforscht. Ich habe mich unter anderem mit der Linguistik beschäftigt, mit dem Spracherwerb, speziell mit Sprache bei Tieren. Es ging darum, welchen Stellenwert komplexe soziale, kognitive und emotionale Fähigkeiten für die Ethik sowie den Umgang mit Tieren haben. So bin ich auf den Künstler Stuart Middleton gestoßen, in dessen Arbeiten die Forschungen von Temple Grandin einfließen. Grandin ist eine US-amerikanische Wissenschaftlerin, die an der Planung von Schlachthöfen mitarbeitete, da sie behauptete – und das scheint auch zu stimmen – dass sie sich als Autistin sehr gut vorstellen kann, was den Tieren Angst macht. Darum hat sie Slaughter Lines entwickelt, also Anlagen, durch die Tiere im Schlachtprozess hindurchgeführt werden, sodass sie möglichst angstfrei bis zur Schlachtbank gelangen. Sie hat also eine architektonische Struktur für den Schlachtprozess geschaffen.

Und damit eine Antwort auf eine tierethische Fragestellung gefunden?

Nur zum Teil. Die Frage hier ist nämlich leider nicht, ob die Schlachtung von Tieren überhaupt gerechtfertigt ist. Die Frage ist vielmehr, wie man diesen Prozess so leidfrei wie möglich gestalten kann. Ich habe mich von meinem professionellen Standpunkt aus mit der Arbeit von Middleton und in der Folge auch mit vielen anderen Künstler*innen beschäftigt. Diese Erkenntnisse habe ich dann in die Lehre eingebaut. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst ist für unsere Studierenden natürlich sehr spannend und extrem exotisch.

Tiere werden als Haustier gehalten und als Nutztier eingesetzt. Wie unterscheidet sich die Beziehung des Menschen zum Haus- und zum Nutztier?

Die einen werden gestreichelt, die anderen werden gegessen. Das ist völlig irrational – ein spannendes psychologisches und soziologisches Forschungsgebiet! Jede Gesellschaft hat – und das ist kulturell determiniert – eine Handvoll Tiere, die sie für essbar hält. Das heißt, es gibt Gesellschaften, in denen Hunde mit am Tisch sitzen, und andere, in denen sie auf dem Teller liegen. In der Sozialpsychologie beschäftigt man sich damit, wie die entsprechenden Narrative überhaupt entstehen. Welche Geschichten erzählen wir uns selbst, um so etwas zu rechtfertigen?

Können Sie uns hier ein Beispiel nennen?

Es gibt einen spannenden Versuch von Brock Bastian, einem australischen Wissenschaftler. Er hat Proband*innen Bilder von Tieren gezeigt und sie gebeten, diese in die Kategorien „essbar“ und „nicht  essbar“ einzuteilen. In einem zweiten Schritt sollten die Proband*innen die Tiere dann hinsichtlich ihrer kognitiven Fähigkeiten und Leidensfähigkeit unterscheiden. Das Ergebnis: Tieren, die wir für essbar halten, sprechen wir Leidensfähigkeit und komplexe kognitive Fähigkeiten ab – das ist das sogenannte „Meat Paradox“: Wir lieben Tiere, aber wir essen auch gerne Fleisch. Die entstehende kognitive Dissonanz müssen wir irgendwie rechtfertigen und tun das zum Teil auf haarsträubende Weise.

Auch Fleischkonsum und Geschlechterrollen sind in der Wahrnehmung eng verknüpft.

Genau. Die uralte Erzählung „ein richtiger Mann isst Fleisch“ ist ja auch haarsträubend. Fleisch essen ist ein hochgradig sexualisiertes Thema. Man findet im Internet Fotos von gegrilltem Hühnchen mit Bikinizone und von Schweinchen vor der Metzgerei in Röckchen, High Heels und mit Lippenstift. Die Reduzierung der Frau und des Tieres auf das Fleisch läuft parallel.

Zwei Arbeiten in der Ausstellung Das Tier in Dir beziehen sich auf Konrad Lorenz. Welche Bedeutung hat Lorenz für die heutige Verhaltensforschung?

Die aktuelle Forschung ist ohne Pioniere wie Rupert Riedl oder Konrad Lorenz schwer denkbar. Sie versuchten, den komplexeren Fähigkeiten der Tiere auf die Spur zu kommen. Das fängt bei der frühkindlichen Prägung an. So kommen wir über Zwischenschritte heute zur Frage nach der Persönlichkeit der Tiere, nach stabilen Charaktereigenschaften und komplexeren Verhaltensweisen. Ausgehend von der Verhaltensbeobachtung wurden Methoden geschaffen, die uns sozusagen in das tierliche Gehirn blicken lassen. Und wir begreifen dabei zunehmend, dass sie mehr sind als Instinkt und Reizreaktionsschemata. Tiere denken, Tiere erfinden Dinge, Tiere sind neugierig, Tiere interagieren sozial sehr komplex miteinander.

Das Zusammenleben von Mensch und Haustier gestaltet sich fast symbiotisch – macht das beiden Seiten Spaß?

Prinzipiell muss man sich klar darüber sein, dass unsere Tiere in die Beziehung mit dem Menschen hineingezüchtet werden. Von Freiwilligkeit kann hier keine Rede sein. Die individuelle Beziehung kann trotzdem eine sehr positive sein. Das hängt natürlich von den Rahmenbedingungen und einer möglichst artgerechten Haltung ab. Es gibt immer Menschen, die ihre Tiere zu sehr verhätscheln. Das kann Auswüchse annehmen, die viel mit Anthropomorphismus zu tun haben. Tiere werden zum Kind- oder Partnerersatz. Da geht es natürlich vor allem darum, was wir Menschen wollen – und wenig darum, was im Interesse des Tieres ist: Vor allem Hunde werden in unseren Alltag eingepasst. Sie sind da auch recht flexibel. Die Mensch-Hund-Beziehung wird gerne romantisiert und als Symbiose dargestellt, aber ich glaube wir sollten da etwas kritischer und auch ehrlicher sein.

 


Judith Benz-Schwarzburg forscht seit 2011 in der Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung am Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien. Sie hat an der Universität Tübingen in Philosophie promoviert und beschäftigt sich mit den sozio-kognitiven Fähigkeiten bei Tieren und deren Relevanz für Tierethik und Tierschutz. Im Zentrum ihrer Forschung stehen Kultur, Sprache, Theory of Mind und Moralfähigkeit bei Tieren. Sie beschäftigt sich aber auch mit der Darstellung von Tieren im Zoo, in der zeitgenössischen Kunst und den Medien (etwa in Bilderbüchern) und im Wildtiertourismus. Das Projekt Moralfähigkeit bei Tieren (2018–2023) wird vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert. Ihr Buch Verwandte im Geiste – Fremde im Recht wurde mit dem Deutschen Studienpreis ausgezeichnet.

Die Fragen stellte Katharina Murschetz, Presseleitung mumok