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Interview mit Gerhard Rühm

mumok insider


„in einem einzelnen wort ist potentiell die gesamte sprache verborgen“

Gerhard Rühm, ein Grenzgänger zwischen den Disziplinen Kunst, Musik und Literatur, hat sich dazu entschlossen, den Kern seines bildnerischen Vorlasses dem mumok zu schenken. Mit Kuratorin Heike Eipeldauer spricht er über die Verbindung von Sprache und Denken, seine künstlerische Sozialisation im Nachkriegswien und seine berühmten Wegbegleiter. 


Heike Eipeldauer: Wenn sich ein Künstler wie Du dazu entschließt, sein Werk dem Museum anzuvertrauen, gehört dies zu den schönsten Momenten unserer kuratorischen Arbeit. Wie leicht übergibst Du sieben Jahrzehnte bildnerischen Schaffens an das mumok?

Gerhard Rühm: die vorstellung, das umfangreiche konvolut würde nach meinem tod – ich bin bereits 92 jahre alt – aufgelöst und in alle welt erstreut werden, ist für mich höchst beunruhigend. einzelstücke könnten angesichts der variabilität meiner produktion nur eine bruchstückhafte vorstellung von meinem künstlerischen oeuvre vermitteln. da das museum moderner kunst in wien bereits eine reihe früher arbeiten besitzt, bietet sich dieser ort für die übergabe dieses repräsentativen teils meiner bildnerischen arbeiten geradezu zwingend an.

Heike Eipeldauer: Das Präsenzerlebnis, die räumlich und zeitliche Gebundenheit an das Hier und Jetzt, ist ein zentrales Charakteristikum Deiner Arbeit. Deine berühmte JETZT-Zeichnung bringt dies auf den Punkt, die in insistierender Wiederholung des Wortes „Jetzt“ ein  Gegenwärtigsein, ein bewusstes Erleben des Augenblicks beschwört. Siehst Du Deinen performativen, gattungsüberschreitenden Ansatz im Widerspruch zu den Prinzipien der Musealisierung?

Gerhard Rühm: ich schätze das museum als eine unverzichtbare kulturelle institution, um komplexe tatbestände sachgemäss zu verwalten und jeweils auf anschaulich klärende weise zu präsentieren.

Heike Eipeldauer: Du wurdest im reaktionären kulturellen Klima der österreichischen Nachkriegszeit künstlerisch sozialisiert. Die 1952 von Dir gemeinsam mit Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener gegründete Wiener Gruppe erscheint wie ein kollektives Aufbegehren. Inwieweit war die Gruppe eine politische Bewegung?

Gerhard Rühm: wir gingen davon aus, dass das denken des menschen dem stand seiner sprache entspreche und daher die auseinandersetzung mit der sprache auch die substanzielle auseinandersetzung mit dem menschen beinhalte. neue ausdrucksformen modifizieren die sprache und haben damit auswirkungen auf sein denken, sein weltbild. wichtige theoretische impulse gaben uns damals die sprachkritik ludwig wittgensteins und fritz mauthners sowie neopositivistische positionen des „wiener kreises“ wie des von einem christlichen fanatiker ermordeten moritz schlick. man darf keinesfalls vergessen: sprache ist immer auch ein herrschaftsinstrument. wenn ich mich in geradezu puristischer weise mit den grundelementen der sprache beschäftigte, gewissermassen am nullpunkt ansetzte, ist darin auch ein versuch zu sehen, die sprache von der barbarisierung durch die nationalsozialisten zu reinigen. das politische moment der „konkreten poesie“ liegt in der radikalen demokratisierung von sprache. wenn man beispielsweise das hierarchische prinzip des satzes auflöst und die einzelnen wörter als gleichberechtigte elemente behandelt, ist das im übertragenen sinn eine radikal demokratische und damit politische vorgehensweise.

Heike Eipeldauer: Zur universalen Auseinandersetzung mit Sprache gehörte auch die Beschäftigung mit Dialekt?

Gerhard Rühm: wenn man sich mit der sprache als ganzheitlichem phänomen beschäftigt, kommt man um den aspekt des dialekts als alltägliche umgangssprache nicht herum. h. c. artmann und ich haben eine neue, verfremdende art der dialektdichtung entwickelt, von der „abstrakten“ behandlung bis hin zu einer nur noch lautlichen erfassung des wiener dialekts. wir sind auf den dialekt allerdings eher auf anekdotische weise gekommen. 1954 sassen wir, wie damals üblich, im cafe glory diskutierend beisammen, als sich h. c. artmann über die mangelhaften lorca-übersetzungen enrique becks erregte. so müsste man seiner meinung nach gewisse dialektpassagen lorcas unbedingt in den dialekt der jeweiligen zielsprache übertragen, was beck leider versäumte. bei dieser gelegenheit kam auch der klangreichtum des wienerischen zur sprache, wobei rasch der gedanke auftauchte, man könnte ja auch wiener dialektgedichte der neuen art schreiben. schon am nächsten abend brachte artmann einige erste versuche mit, die wir überaus reizvoll fanden. ich schloss mich diesem unternehmen sogleich an, und so entstanden während mehrerer jahre zahlreiche dialektgedichte in unserem sinn, das heisst auch im widerspruch zu den bieder anheimelnden „wien wörtlich“-gedichten josef weinhebers. parallel dazu schrieb ich auch eine reihe kurzer „experimenteller“ theaterstücke im dialekt und artmann sein blendendes stück „kein pfeffer für czermak“. die seinerzeit oft gehörte beschimpfung, wir seien „nestbeschmutzer“, geht wohl vorrangig auf unsere dialektdichtungen zurück, die den unleugbar makabren zug des wienerischen auf die spitze trieben.

Heike Eipeldauer: Die beiden „literarischen cabarets“ (1958/1959) der Wiener Gruppe gehören rückblickend zu den ersten Happenings der Kunstgeschichte, in denen Literatur in eine Handlungsform verwandelt wurde. Woher kam der performative Ansatz der Wiener Gruppe und wie sah dieser aus?

Gerhard Rühm: in unserem programmatischen „waschzettel“ definierten wir die form des cabarets als „schlichte begebenheit“, was ziemlich genau dem englischen, von allan kaprow geprägten begriff „happening“ entspricht. die hier verwendeten performativen darstellungsformen empfanden wir keineswegs als bruch, vielmehr als fliessenden übergang zu unserer literarischen arbeit. einige programmpunkte waren durchaus dem nahe verwandt, was man später als „fluxus“ bezeichnete – etwa die idee, schlichte reale begebenheiten als theatrale ereignisse in echtzeit auszustellen und dabei die traditionelle rollenverteilung zwischen passivem publikum und aktiven schauspielern infrage zu stellen, indem wir uns etwa – auf der bühne sitzend – aus der kantine kaffee servieren liessen. im zuge des „2. literarischen cabarets“ 1959 kam es dann auch zur inzwischen legendären ersten klavierzertrümmerung.

Heike Eipeldauer: Zugleich experimenteller Dichter, visueller Poet, Komponist, Hörspielautor, Performer und bildender Künstler bewegst Du Dich als Grenzgänger zwischen den Disziplinen, wie Deine mittlerweile elf Bände umfassende Werkausgabe zeigt. Du warst Vorreiter wie Teil einer internationalen Entwicklung hin zur „Verfransung“ der Medien (Theodor W. Adorno), die sich Anfang der 1960er-Jahre in Strömungen wie Fluxus, Happening oder Conceptual Art manifestierte – allesamt Kernbestände der mumok Sammlung. Wie würdest Du Deinen grenzüberschreitenden Ansatz beschreiben?

Gerhard Rühm: schon früh war ich bestrebt, die dichtung von den zwängen der syntax zu befreien und auf den material- und bewusstseinsstand der zeitgenössischen musik und bildenden kunst zu bringen. von der zwölftonmusik fasziniert, unternahm ich ab 1954 einige versuche, serielle prinzipien in der dichtung anzuwenden, was überraschend neue formgebilde erbrachte. wie anton webern kristalline konstellationen von tönen und intervallen schuf, so stellte ich meine ersten konstellationen einzelner, aus dem satzverband gelöster wörter und sprachlaute her, die in eine räumliche beziehung zueinander gebracht werden konnten. grundsätzlich geht es mir um die ökonomie der mittel, die für mich bis heute ein zentrales arbeitsprinzip bleibt: kein wort, kein zeichen sollte mehr verwendet werden, als zum ausdruck der essenz einer botschaft unbedingt nötig ist – in einem einzelnen wort ist potentiell die gesamte sprache verborgen.

 


Das Gespräch führte Heike Eipeldauer, Kuratorin am mumok.