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Feministisch Betrachtet – Yto Barrada und Félix González-Torres

enjoy insider


Nichts ist neutral
Leben, Lieben, Kunst und Politik

Zum Einstieg in die neue Ausstellung Enjoy möchte ich mit zwei Arbeiten beginnen, die beide auf unterschiedliche Weise den politischen Gehalt von Orten berühren und kommunizieren: die Serie A Life Full of Holes: The Strait Project (1998–2004) von Yto Barrada und die Plakatarbeit Austrian Airlines Porträt (1993) von Félix González-Torres.

Die französisch-marokkanische Künstlerin Yto Barrada (*1971) ging jahrelang mit der Kamera dem täglichen Leben an der Meerenge von Gibraltar in Tangier, Marokko, nach. Als in Frankreich geborene Tochter emigrierter Eltern besitzt sie zwei Pässe und erlebt Reisen ganz anders als andere in ihrer Familie. Und die Wahrnehmung dieses Unterschieds lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ein Alltagsleben an der Meerenge, das von Warten, von Emigration und von Massentourismus bestimmt ist. Um mehr davon zu verstehen und auch, um eigene Erfahrungen von Abschied, Rückkehr, Verlust und Sehnsucht zu verarbeiten und mit den politischen Umständen zu verknüpfen, startete sie 1998 A Life Full of Holes: the Strait Project. Sie fotografierte Szenen in Tangier, die sie beobachtet hatte. Dabei arbeitete sie mit einer ambivalenten Ästhetik zwischen Schnappschuss und Allegorie, die einen reportageartigen Stil, ihre subjektive Sichtweise und die politischen Bedingungen jeder Szene übereinanderlegt. In einem Gespräch mit der Künstlerin formulierte es Nadia Tazi so: „Eine der Ambivalenzen in Deiner Arbeit ist, dass diese nicht die Dimension einer neutralen Objektivität, einer pseudowissenschaftlichen Aufzeichnung besitzt (...), auch wenn es so scheint. Auf eine eigene Art und Weise stellt sie die Melancholie der Meerenge wieder her.“ (1)

Auch Félix González-Torres verschränkte persönliches Erleben und politische Bedingungen in seinen Arbeiten immer wieder miteinander – in dem hier gezeigten Plakatprojekt Austrian Airlines Porträt auf überraschend simple Weise: Im Rahmen eines Projektes von museum in progress wurden von 1991 bis 2002 internationale Künstler*innen eingeladen, Plakate für den öffentlichen Raum in Wien zu gestalten. Auf grünem Grund zeigt Torres in silberner Schrift alle Destinationen, die von den Austrian Airlines damals angeflogen wurden, und dazu das Jahr, in dem das zum ersten Mal passierte. Die Austrian Airlines waren auch Kooperationspartner* des Projekts Plakat, und Torres lenkte so die Aufmerksamkeit auch auf die ökonomischen Rahmenbedingungen dieses Kunstprojekts. Mit dieser einfachen Liste verschränkt Torres geopolitische und ökonomische Entwicklungen mit unterschiedlichen individuellen Biografien, Erinnerungen und Sehnsüchten. Denn bei jedem Lesen werden die Orte und Daten mit eigenen Erlebnissen, erinnerten politischen Ereignissen und Fragen in Verbindung gebracht. Das passiert auch, wenn man nicht weiß, wie Datum und Ort zusammenhängen – unterstützt durch das wiederholte Antreffen und Lesen im Stadtraum. Für González-Torres, der als Jugendlicher von seinen Eltern aus Kuba zu Verwandten in Spanien verschickt wurde und später in Amerika von seinem kanadischen Lebenspartner Ross getrennt lebte, weil die Behörden die Beziehung nicht anerkannten, ist jeder Ort eine „soziale Landschaft“.(2)

Torres erwähnt, dass seine Kunst am stärksten von Psychoanalyse, marxistischer Analyse und Feminismus angeregt wurde.(3) Und dass wir „nach zwanzig Jahren feministischen Diskurses und feministischer Theorie zu der Erkenntnis gelangt sind, dass ‚einfach nur schauen‘ nicht einfach nur schauen ist, sondern dass das Schauen mit Identität besetzt ist: mit Geschlecht, sozioökonomischem Status, Rasse, sexueller Orientierung.“(4) Und mit diesem Wissen kritisiert er auch die Behauptung einer formalen Neutralität, wie sie in der Minimal Art aufgestellt wird, als „Reproduktion des heterosexuellen, weißen, männlichen Künstlers als neutrale, universelle Form der unmarkierten Subjektivität“.(5)  Torres greift hier eine ganz wichtige Kritik queer/feministischer Kunst-, Medien- und Filmwissenschafter*innen und Theoretiker*innen auf.(6)

In einem Interview verwendet Yto Barrada die Metapher des geologischen Schnittes für ihre Arbeit. So bestehe A Life Full of Holes: The Strait Project aus mehreren Schichten. Darunter befinden sich „die Mythologie (Herkules), die Geschichte des Mittelmeerraumes, die ‚marokkanische Frage‘ (die Stellung des Landes unter den rivalisierenden Kolonialmächten zu Beginn des 20. Jahrhunderts), die zeitgenössische politische Situation (Migration und Schwarzmarkt) sowie meine eigene Familiengeschichte. Und in den letzten 20 Jahren – seit das Schengen-Abkommen Europa gegen Afrika abschottet – haben die Geschichten über Auswanderung, Trennung, Verlust, Exil, Emigrantenelend und Vertreibung unweigerlich zugenommen.“(7)

Nur 14 km breit ist die Meerenge von Gibraltar. Mit dem Flugzeug sind weit entfernte Orte schnell und einfach zu erreichen. Nicht für alle. Diese zwei Arbeiten sind durch Entstehungszusammenhang und Thematik mit gegenwärtiger Migration, Flucht, Sehnsucht und Ausgrenzung verschränkt. Beim Betrachten sind alle aufgefordert, darüber nachzudenken, was gesehen wird und was nicht.

Mikki Muhr


1 Nadia Tazi, „A Conversation between Yto Barrada and Philosopher Nadia Tazi (Extracts)“, in: Yto Barrada: A Life full of Holes: The Strait Project, London 2005, S. 58.
„One of the ambiguities of your work is that it doesn’t have the dimension of neutral objectivity, of pseudo-scientific recording (…) even if it appears to. In it’s own way, it recreates the melancholy of the Strait.“

2 Interview mit Félix Gonzáles-Torres, in: Rhetorical Image, New York 1990, S. 48.
„after twenty years of feminist discourse and feminist theory we have come to realize that ´just looking` is not just looking but looking is invested with identity: gender, socioeconomic status, race, sexual orientation”

3 Zum Beispiel im Gespräch mit Joseph Kosuth anlässlich der gemeinsamen Ausstellung in der Andrea Rosen Gallery in New York 2005,
online hier.

4 „Interview by Tim Rollins”, in: Bill Bartman (Hg.), Félix González-Torres, New York 1993,
Onlineversion hier.

5 Joshua Chambers-Letson, After the Party – A Manifesto for Queer of Color Life, New York 2018, S. 140 f.
“reproduction of the straight, white, males artist as a neutral, universal form of unmarked subjectivity”

6 Etwa Laura Cottingham, Lucy Lippard, Rosalind Krauss, Laura Mulvey, bell hooks, um nur einige zu nennen.

7 Yto Barrada und Eyal Weizman, „Fossile Zankäpfel“, in: Parkett, 91 (2012), S. 175.