Sie sind hier

Feministisch Betrachtet Spezial: Gewalt der Bilder – Bilder der Gewalt

mumok insider


Ich freue mich, am 22. Mai im Rahmen eines Feministisch Betrachtet Spezial Elisabeth Schäfer begrüßen zu können. Sie ist Philosoph*in, Mitarbeiter*in und Mitinitiator*in des FWF PEEK-Projektes Performing Primal Communism [AR 568], das künstlerisch forschend an der öffentlichkeitssensibilisierenden Erschließung der 1972 von Otto Muehl gegründeten AA-Kommune („Aktionsanalytische Organisation“) arbeitet. Dabei stehen die Aufarbeitung von Gewaltverhältnissen in der AA-Kommune im Friedrichshof, im Werk Muehls und dessen Rezeption im Mittelpunkt.

Ausgehend von Fragen und Erkenntnissen aus diesem mehrjährigen, kollaborativen Projekt werden wir über Möglichkeiten und Perspektiven eines differenzierten und verantwortungsvollen Umgangs mit Gewalt im Kunstkontext sprechen. In Aktionen, Performances, Konzept- und Medienarbeiten thematisierten in den 1960er-Jahren Künstler*innen Gewaltausübung und -erfahrung, Unterdrückung, Machtmissbrauch sowie patriarchale Ordnungssysteme. Viele dieser Ansätze standen in einem produktiven Verhältnis zu feministischer und hegemoniekritischer Theorie und Aktivismus. Andere wiederum wurden – wie im Fall der Kommune im Friedrichshof – in Gewaltkontexten und durch Machtmissbrauch realisiert.

Die österreichische Künstlerin VALIE EXPORT schreibt über die „Wiederkehr“ von „Schnitt, Deformation und Blut“ im Feministischen Aktionismus, dass diese „[d]och nicht als Spiegelungen sado-masochistischer Bedürfnisse, nicht als Spannungen abnormer Triebe, sondern als Male der Geschichte, als Spur der Begriffe am Körper, als Körpermale, die in Aktionen mit dem Körper aufgedeckt werden." (1)
Entgegen einer – oft abwertend gemeinten – Kritik erschöpfen sich diese Arbeiten nicht in subjektiven Körperempfindungen, sondern sind konzeptuelle, mediale Analysen der Verhältnisse von Sprache, Zeichen, Bild, Subjekt, Gewalt sowie Begehren und Gesellschaft.

In den 1960er-Jahren wurde auch der Wiener Aktionismus entwickelt. Die Künstler*innen dieser männlich* (2) geprägten und dominierten Kunstrichtung setzten sich individuell ganz unterschiedlich mit Schmerz, Schmerzerfahrung und Gewalt auseinander. In der Atmosphäre eines kollektiven Verleugnens und Verdrängens der Beteiligung am Faschismus im Österreich der Nachkriegszeit vollzogen sie Tabubrüche und Grenzerfahrungen. Auch Otto Muehl entwickelte in dieser Zeit seine künstlerischen Vorstellungen, zum Beispiel übertrug er in den Zock-Exercises (1967) Malerei in Aktionsformen. Körper wurden nicht mittels Farbe auf der Leinwand dargestellt, sondern direkt mit Farbe beschmiert oder durch Verschnürung deformiert. 1972 gründete Muehl die Kommune, erst in Wien in der Praterstraße, dann ab 1974 am Friedrichshof im Burgenland, mit etlichen anderen Stadtgruppen. Dort herrschte er mit einem hierarchischen System aus Gewalt, Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt – auch an Kindern. 1991 wurde er unter anderem deswegen zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. In der Rezeption wird das künstlerische Werk oft von den Geschehnissen in der Kommune getrennt – was fragwürdig erscheint bei einem Künstler, der die Einheit von Kunst und Leben propagierte.

Welchen Unterschied machen die verschiedenen Entstehungszusammenhänge und die jeweilige Ästhetik? Was daraus lernen? In einem Museum, als Besucher*in, als Kunstproduzent*in, als Kunstvermittler*in, als Kritiker*in? Wie berühren diese Überlegungen das eigene Kunstverständnis? Dazu werden wir uns mit ausgesuchten Arbeiten aus den 1960er-Jahren von ganz unterschiedlichen Künstler*innen beschäftigen (neben Otto Muehl sind dies Werke von Maria Lassnig, VALIE EXPORT, Mladen Stilinović, Gina Pane und anderen).

In der obigen Bilderstrecke zeigen wir diesmal neben der gewohnten Zeichnung zur Beitragsreihe auch zwei Zeichnungen von Hatschepsut Huss, die als Graphic Recordings bei Veranstaltungen des PEEK Projektes AR 568 zur kritischen Aufarbeitung der Geschichte der Muehl-Kommune entstanden sind, sowie zwei Ausstellungsansichten der Ausstellungen Abstraktion. Natur. Körper und Re/Aktionen im Rahmen der großen Sammlungsausstellung Enjoy – die mumok Sammlung im Wandel.

 

Mikki Muhr

 


Feministisch Betrachtet Spezial am 22. Mai 2022: Hier anmelden


 

(1) VALIE EXPORT: Feministischer Aktionismus: Aspekte in: Frauen in der Kunst, Hrsg.: Gislind Nabakowskik Helke Sander, Peter Gorsen, edition suhrkamp, 1980, Band 1; S. 143

(2) In diesem Text werden geschlechtliche Kategorisierungen als Konzeptuelle verstanden.

 

Weiterführende Links:

https://fh-timelines.goldblo.cc/peek

https://elisabethschaefer.com/work

https://www.akbild.ac.at/de/forschung/projekte/forschungsprojekte/2020/p...