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Feministisch Betrachtet Spezial: Enjoy! Let's take Pride

mumok insider


Die mumok Kunstvermittlung initiiert mit eingeladenen Künstler*innen und Theoretiker*innen Diskussionen und Ver-/Lernprozesse, um Zugänge, Praxen und Kenntnisse grundlegend und nachhaltig zu befragen und zu transformieren. Und wir freuen uns sehr, dass wir im Rahmen des Programms zur Vienna Pride JG Danso zu einer Leseperformance in der Ausstellung (Anti-)Pop im Rahmen von Enjoy – die mumok Sammlung im Wandel begrüßen konnten. Mit ihrem kürzlich erschienen illustrierten Gedichtband A Thousand Ships formulierte sie einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an das Vermächtnis von Marsha P. Johnson.

Marsha P. Johnson war eine der wichtigsten Black-, transaktivistischen Kämpfer*innen, die mit der Gay Liberation Front (GLF) erste Protestmärsche nach den New Yorker Stonewall Riots 1969 organisierte. Weiters war sie Mitbegründer*in von STAR (Street Transvestite [heute: Transgender] Action Revolutionaries), einer Organisation für Unterkünfte für obdachlose transsexuelle Jugendliche in New York. Finanziert wurde diese damals unter anderem durch Sexarbeit. 1992 wurde Marsha P. Johnson tot im Hudsonriver gefunden, was damals als „Selbstmord“ klassifiziert wurde. 2012 wurde nach neuen Ermittlungen die Todesursache auf „unbestimmt“ geändert. Marsha P. Johnson war zu ihren Lebzeiten keine Unbekannte. Und sie war eines der Modelle, die 1974 für 50 bis 100 US-Dollar Modell für Polaroids saßen, welche als Vorlage für eine Bilderserie von Andy Warhol angefertigt wurden. Die Serie war von dem italienischen Kunstsammler Luciano Anselmino, von dem auch der Titel Ladies and Gentlemen stammt, für die hohe Summe von 900.000 US-Dollar in Auftrag gegeben worden. Fasziniert von der Erscheinung und Inszenierung von Stars, wurde Andy Warhol auch mit Porträts berühmter Persönlichkeiten bekannt, deren Namen im Titel genannt wurden. Die trans-, Black- und Hispanic-Modelle für Ladies and Gentlemen wurden anonymisiert.

Eingebettet in eine rassistische und binär-normative Gesellschaft und eine hierarchische, konkurrenzbasierte Kunstszene (1) sollte der Entstehungshintergrund nicht nur als eine persönliche Verfehlung eines Künstlers* kritisiert werden, sondern als struktureller Rassismus, Sexismus und Transphobie, die auch in der Kunstszene konsequent abgebaut werden müssen. Denn es gilt, die Wahrnehmung struktureller Ausschlüsse und Diskriminierungen zu steigern und Veränderungen herbeizuführen. Nicht zuletzt aufgrund der langjährigen Anstrengungen von Black-und trans-Aktivist*innen entwickelt sich hierfür in den letzten Jahren ein breiteres Problembewusstsein. 2014 wurden die Namen und Identitäten der Modelle beforscht und von der Warhol Foundation veröffentlicht. Manche Institutionen und Besitzer*innen ändern seither die Betitelung der Werke und fügen die Namen der Modelle bei. Auch in der Sammlung des mumok befindet sich ein Bild dieser Serie. Dieses zeigt die Performer*in und Sänger*in Wilhelmina Ross. (mehr zu Wilhelmina Ross bei Gemeinsam Live!)

 


Auszug aus dem Gedicht A Thousand Ships, rezitiert von JG Danso:


A Thousand Ships
I march for you,
Will you march for me?

I fight for you,
Will you fight for me?

I chant for you,
Will you chant for me?

Will I ever matter to you,
As you have mattered to me?

Remember this:

I am the birth of Pride,
Left battered on the Hudson tide.

Get up,
It is time to march for me!

[…]
© JG Danso / excerpt


In diesem Gedicht greift JG Danso die Worte eines Zeitgenossen Shakespeares, Christopher Marlowe, auf, um Marsha P. Johnson zu gedenken. Die Teilnehmer*innen hörten JG Dansos Lesung über Kopfhörer, während sie durch die Ausstellung wanderten, wo auch die Flowers von Andy Warhol ausgestellt waren. Daraus ergab sich eine im Raum verortete reflexive Situation. Und in der anschließenden Diskussion tauschte sich das internationale Publikum über Erfahrungen mit Black-, queer- und trans-Aktivismus, „Pride as Protest“, Rassismus, intersektionale Diskriminierungen und Kunst aus.

JG Danso teilte ihr Fachwissen als Praktikerin für intersektionale Gleichberechtigung, um diese Themen mit den Besucher*innen zu reflektieren. Die Verbindung mit ihrer Arbeit für den Verein hint.wien verankerte die Diskussion konkret im queeren Aktivismus. hint.wien arbeitet mit dem queeren Community Café Villa Vida, unabhängigen Wiener Buchhandlungen und Kultur Alsergrund zusammen, um intersektionales, queerzentriertes Geschichtenerzählen zu fördern.

 

Mikki Muhr

 

(1)  Ich danke meinem Kollegen* Ivan Jurica für diesen wichtigen Gedanken.

 

Links zum Weiterlesen:

www.jgdanso.net

www.hint.wien

www.villavida.at

www.hideosnes.online