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Feministisch Betrachtet – Sammeln und Ver-lernen

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Feministisch Betrachtet – Sammeln und Ver-lernen

Bereits 1989/90 stellte das anonyme feministische Aktivist*innenkollektiv Guerilla Girls die einfache und wichtige Frage: „When Racism & Sexism are no longer fashionable, what will your art collection be worth?“. Aktuell stehen viele Praktiken von Museen und Sammlungen zur Diskussion. Koloniale, rassistische, antisemitische und sexistische Kontexte von Aneignung und Ausschluss werden immer lauter kritisiert, und es kommt ein Prozess in Gang, der oftmals als „Ver-lernen“ bezeichnet wird: Museen, die Routinen verlernen müssen, um eingegrabene Selbstverständlichkeiten, unmarkierte Privilegien und eingeübte Diskriminierungen erkennen und bearbeiten zu können. Dieser Prozess ist auch mit negativen Erfahrungen verbunden. Etwas, das als gesichert, gewusst und beherrscht (sic!) galt, wird im Lernprozess wieder entkräftet und plötzlich als entweder nicht zutreffend oder nicht ausreichend erfahren.

Vordergründig positiver erlebt werden Strategien, die sich dem Entdecken widmen. Aktuell werden zum Beispiel „Frauen der Pop Art“ entdeckt und Sammlungsstrategien korrigiert. Wiederholt formulierte feministische Kunsttheorien und -wissenschaften, die auf die Ausschlussmechanismen in Kunstproduktion und -kanonisierung aufmerksam machten, sind hier endlich wirksam. Hier wird viel Wissen genutzt, das in feministischen Kontexten produziert und oft marginalisiert wurde. Wichtige, bislang ausgeschlossene künstlerische Ansätze werden nun endlich gezeigt – was aber auch mit aktuellen Marktdynamiken zu tun hat, da die großgeschriebenen Namen kaum mehr leistbar oder verfügbar sind.

Was bedeutet es also, wenn Einzelne integriert werden und sich sonst nicht viel ändert? Ziel feministischer Ansätze ist kollektive Veränderung und das intersektional – dies betrifft somit nicht nur Sexismus, sondern auch Klassismus, Rassismus und Ableismus (die Ungleichbehandlung etwa wegen einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung). Individueller Erfolg ist nicht unwichtig, aber nicht das Ziel – das wird in marktkonformen Feminismen oft verwechselt. Auch im postkolonialen Zusammenhang ist diese Verwechslung sehr wirksam. Einzelne, nicht der Mehrheit Angehörende arbeiten so vereinzelt unter den Belastungen eines institutionellen Rassismus, müssen Konflikte austragen und gleichzeitig womöglich auch noch aufklärend wirken. Die Autorin, Künstlerin und Wissenschaftlerin Belinda Kazeem-Kamiński betitelte ihre Keynote zur heurigen Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Gender Forschung (ÖGGF) mit „Unterdessen sind unsere Worte (etwas mehr) willkommen, unsere Körper jedoch nicht.“

Denn es geht auch darum, wie normativ Institutionen besetzt sind, und wer hier mit wem auf welchen Ebenen kooperieren kann. Und um ver-lernen zu können, braucht es selbstkritische Haltungen, Diskussionen und Handlungen wie auch den nötigen Mut, um nicht in Vermeidungsstrategien zu verharren – auch in feministischen Zusammenhängen.

Mikki Muhr


Zum Nachlesen:

Beate Hausbichler, Der verkaufte Feminismus – wie aus einer politischen Bewegung ein profitables Label wurde, Wien 2021

Andi Zeisler, Wir waren doch mal Feministinnen. Vom Riot Grrrl zum Covergirl. Der Ausverkauf einer politischen Bewegung, Zürich 2017

https://www.guerrillagirls.com/projects

https://www.derstandard.at/story/2000038681287/we-were-feminists-oncefem...

https://www.youtube.com/watch?v=By6qS9g5sbM