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Das Tier in Dir | Von Wolpertingern im Friedhofsnebel: Tiere in der Mode

mumok insider


Ob vordergründig friedfertiger Wolf im Schafsfell oder aufreizend animalische Venus im Pelz: Dass es durch das Anlegen einer Fremd(tier)haut zur Übertragung animalischer Eigenschaften auf die Träger*innen kommen soll, gehört offenbar zur Faszination solcher Kleidungsstücke. In Zeiten der „Fur­free Fashion“ betrifft dieser unbewusst mitgedachte Transfer freilich längst auch derivative Materialien bis hin zu Animal­-Prints, was glücklicherweise auf das Abstraktionsvermögen der meisten Modehandelnden schließen lässt.

Auch in diesem Zusammenhang stimmt es also, dass Kleider Leute machen: Wenn sie fein präparierte Tierkleider anlegen, die sprichwörtlichen „fremden Federn“, denen ihr Ursprung manchmal mehr, manchmal weniger deutlich anzusehen ist, erhoffen sich manche Träger*innen wohl, dass das Tier im Mann oder der Frau erweckt werde. Als kulturelle Referenz bietet sich da nicht nur Sacher­-Masoch an, sondern auch so manche Position der bildenden Kunst, wie die aktuelle Ausstellung im Wiener mumok vorführt, ganz zu schweigen von reihenweise Filmmaterial mit Power­-Dressing­-Allüren: Kein Wall-Street-Film aus den 1980er­ Jahren ohne breitschultrige Silberfuchs­jacke, möchte man meinen. Ein Kuriosum, an dem das kannibalistische Potenzial dieser Mode sichtbar wird, ist übrigens die Fuchsdame aus der klassischen Piatnik­-Version des „Schwarzer Peter“-­Spiels, das hierzulande wohl den meisten geläufig ist. Die Füchsin wird hier nicht nur als Räuber­braut gezeigt, sondern trägt gleich selbst noch einen Fuchsschal als Statussymbol um den Hals.

Dazu passt eine Erinnerung an nebelver­hangene Allerheiligen­-Friedhofsdefilees aus etwas vergangenen Zeiten: Der erwähn­te Schal der „Schwarzer Peter“-­Füchsin, der sich in der Form eines ausgestopften Tiers um den Hals der Träger*in legt, ver­wandelt diesen*diese in eine Art mensch­lichen Wolpertinger, besonders wenn oberhalb des Fuchses noch ein dekorativer Federbausch an der Hutkrempe thront: also in jenes aus Versatzstücken verschiedener Tierpräparate bestehendes Fantasiewesen, das sich im süddeutschen Raum großer Beliebtheit erfreut. Derartige Wolpertinger­damen (und -­herren) konnte man am 1. November stets zwischen besprengten Grabesreihen antreffen.

Selbst wenn sie sich nicht selbst zu Silber­fuchs, Zebra oder Ozelot umdeuten mögen, signalisieren (Imitat-­)Pelzträger*innen dem Gegenüber in anachronistischer Manier ihre eigene Unerschrockenheit. Schlungen sich Jäger*innen einst die von Hand erlegten Tierfelle um die Lenden und hängen sich einige noch immer ihre selbst zusam­mengeschossene Hirschgeweihsammlung an die alpine Stubenwand, so drängt sich auch bei manchem Kleidungsstück nach wie vor die Assoziation des Selbst­-Erlegten auf. Nicht zuletzt im übertragenen Sinne: Die kastenförmigen Pelzmäntel, in die vermögende Männer früher gern ihre Ehe­frauen (oder Geliebten) steckten – bis etwa in Rom die Fendi­-Schwestern ein paar Schichten Futter entfernten und die Silhouette verschlankten –, machten aus diesen wandelnde Trophäen.

Ganz anders funktioniert, trotz ihres tieri­schen Ursprungs, die Kraft und Rebellion signalisierende, überaus symbolträchtige schwarze Lederjacke: Im Kontext politi­scher Kostümgeschichte ist Leo Trotzki ihr prominentester – und wohl auch frühester – Apologet, in die Pariser Luxusmode führte Yves Saint Laurent sie bei seiner Beatnik-­inspirierten Laufstegkollektion für das Maison Dior im Jahr 1960 ein. Während so etwas heute zum Standardrepertoire der Luxusmode zählt, galt es damals als uner­hörter Stilbruch. Was für James Dean passen mochte, hatte kurz vor Ausbruch der breitenwirksamen „Youth Revolution“, die später in den Sixties auch auf Pariser Lauf­stege überschwappte, in der Haute Couture nichts zu suchen.
In Pelzkreationen hingegen ließ es sich, vor Beginn der Animal­-Cruelty­-Proteste, unbe­helligt und très bourgeois über Boulevards promenieren. Dass etwa die Begeisterung für Leopardenmäntel nach der Sichtung von Jackie Kennedy in einem solchen Modell von Oleg Cassini Anfang der Sechziger rasant zur Dezimierung dieser Wildkatzen­gattung beitrug, kann als frühes Beispiel der wenig rühmlichen Öko­ und Klimabilanz der Mode gelten.

Erst seit sich 1980 die Verbindung der „People for the Ethical Treatment of Animals“, kurz PETA formierte, haben sich die meisten Marken nach und nach von solchen publik betriebenen Exzessen zurückgezogen. In den letzten Jahren ließen auch die meisten Luxusmarken wissen, dass sie künftig auf Produkte der reinen Pelzindustrie und „exotische“ Tierhäute in ihren Kollektionen verzichten würden. Designer*innen wie Roberto Cavalli, der sich früh mit einer Technik für das Anbringen von Tierfellmustern auf Leder und anderen Träger­stoffen hervortat, konnten sich über diese Entwicklung freuen. Ebenso ein humorvoller Modemacher wie Jeremy Scott, der neben anderen Popkultur-­Referenzen schon einmal die „Flintstones“ in seiner Mode auftauchen lässt.

Wenn auch dies mit der eingangs erwähn­ten Transferfunktion, die von der animalisch anmutenden Bekleidung ausgeht, in Ver­bindung gebracht werden kann, so steht ein Fred-­Feuerstein­-Kleid übrigens für die besondere Dynamik des*der Träger*in: Yabadabadoo! 

 


Daniel Kalt ist Moderedakteur der Tageszeitung Die Presse und Chefredakteur der Beilage Die Presse Schaufenster.