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Das Tier in Dir | Komm spiel mit mir, ich spiel mit Tier: Spielplastiken der Stadt Wien

mumok insider


Eisbären, Katzen, Elefanten, Pferde und Eulen begannen in Form von Tier- und Spielplastiken wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, die öffentlichen Spielplätze und Freiflächen der Gemeindebauten Wiens zu besiedeln.

Die Bundeshauptstadt folgte einem europäischen Trend, bei welchem Künstler*innen im Zuge des Wiederaufbaus beauftragt wurden, ludische Orte für die Nachkriegsgeneration zu gestalten. Symbolisch gesehen sollten die Kinder auf dem Rücken der skulpturalen Tiere in eine hoffnungsvolle Zukunft getragen werden. Zugleich erkannte man in der Einrichtung solcher neuen Spiel- und Interaktionsräume die Möglichkeit, die kreative Entwicklung der Kinder zu fördern und darüber hinaus die Gesellschaft ästhetisch zu erziehen. (1)

Auf diesen hoffnungsvollen Spielstätten Europas wurden Architektur, Kunst, soziale Utopien und der urbane Raum miteinander verflochten. Als Paradebeispiel gelten die 734 Spielplätze Aldo von Eycks, die er zwischen 1946 und 1978 in Amsterdam konzipierte. Seine geometrisch-modularen Objekte folgten formal einer modernistisch–funktionalen Infrastruktur, wurden aber um die Ebene der sozialen Einbindung erweitert. Zeitgleich verfolgte Egon Møller-Nielsen in Schweden das Ziel einer kreativen Erziehung von Kindern durch die Interaktion mit seinen abstrakt-organisch oder auch animalisch geformten Spielobjekten. Darüber hinaus verstand er Spielplätze als Orte, an denen utopische Zukunftsvisionen verhandelt und Grundsteine für eine kommende bessere Gemeinschaft gelegt werden können.
Die dänischen „junk playgrounds“ oder „adventure playgrounds“, wie sie in England genannt wurden, zählten wohl zu den kontroversesten Projekten dieser Art: In zerbombten Nachbarschaften wurden Spielplätze eingerichtet, auf denen Kinder unter anderem aus Schutt und Kriegsschrott spielerisch und imaginär eine neue Zukunft bauen sollten. Lino Bo Bardi hoffte in den 1960er-Jahren in Brasilien wiederum, mit der Planung eines Spielplatzes am Areal des von ihr entworfenen Museu de Arte in São Paulo, einen sicheren Ort für jene junge Generation schaffen zu können, die ihres Erachtens während der herrschenden Militärdiktatur verloren zu gehen drohte. Ihr Projekt wurde nie realisiert, aber es zeigt, dass sich das Phänomen „Kunst–Spiel–Platz“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit fortsetzte und mit politischen Krisen und gesellschaftlichen Umbrüchen einherging. (2)

In Wien begann die Stadtregierung Mitte der 1950er-Jahre, gezielt Spiel- und Tierplastiken zu platzieren. Mit den animalischen und interaktiven Plastiken lud man die Kinder ein, sie in ihre kreativen Erlebniswelten zu integrieren, denn die Fantasie der Kinder könne sogar die hässlichen Vorstadtstraßen in eine wunderbare und geheimnisvolle Welt verwandeln. (3) Josef Seebacher-Konzut und Josef Schagerl gelten als die Wiener Pioniere dieser Lebensraumgestaltung. (4)
Bis in die 1970er-Jahre wurde dieses Projekt aktiv verfolgt. Noch heute begleiten rund 125 Originalobjekte die Wiener*innen in ihrem Alltag. Die Sammlung der Stadt umfasst u. a. bedeutende Arbeiten wichtiger österreichischer Künstlerinnen: Ilse Pompe-Niederführ gestaltete beispielsweise lebensgroße Spielbretter mit Tiermotiven (Gaberlspiel, 1959, und Vater, Vater, leih mir d’Scher, 1959), und Gertrude Fronius schuf tierische Spielplastiken aus Natur­ oder Kunststein und Bronze (Sitzender Eisbär, 1961, und Elch, 1966). Ob das Trojanische Pferd (1970) von Susanne Peschke­-Schmutzer die Kinder ermutigen sollte, sich die Stadt zu eigen zu machen, ist nicht belegt. Die Künstle­rin und Widerstandskämpferin Maria Biljan-­Bilger war nach dem Ende des NS-Regimes eine führende Akteurin des Art Club und eine der wenigen Frauen, die im Österreichi­schen Pavillon der Biennale von Venedig ausstellten (1950 und 1954). Ihre Tierplastiken für die Stadt Wien sind nur noch teilweise erhalten (Katzenfamilie, 1969, Drei Eulen, 1961, und Vier Kinderspielhäuser, 1965/67).

 

Stefanie Reisinger

 


(1)  Siehe u. a.: lrene Nierhaus, KUNST–AM–BAU im Wiener kommunalen Wohnbau der fünfziger Jahre, in: Hubert Ch. Ehalt/Helmut Konrad (Hg.), Kulturstudienbibliothek der Kulturgeschichte (Sonderband 10), Wien/Köln/Weimar: Böhlau 1993, und Elina Druker, Play Sculptures and Picturebooks. Utopian Visions of Modern Existence, in: Barnboken, (Volume 42), 2019, o. S.
(2) Vgl. Gabriela Burkhalter (Hg.), The Playground Project, Ausst. Kat., Zürich: JRP Ringier 2018.
(3) Vgl. Johannes Niermann, Der Kinderspielplatz, DuMont Aktuell, 1976, S. 145.
(4) Vgl. Matthias Winterer, Der Herr der Rutschen, in: Die Wiener Zeitung, 01.01.2020.


 

Die Kunsthistorikerin Stefanie Reisinger kuratierte zuletzt die Ausstellung Gego. Die Architektur einer Künstlerin am Kunstmuseum Stuttgart und arbeitet derzeit u. a. an einem Catalogue Raisonné zu Gegos Arbeiten im öffentlichen Raum von Caracas, Venezuela.