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Aus dem Katalog: Huang Po-Chih im Gespräch

mumok insider


Huang Po-Chih erzählt im Gespräch mit Kuratorin Heike Eipeldauer vom Leben seiner Mutter als Textilarbeiterin in Taiwan und erklärt, was ihn zur künstlerischen Auseinandersetzung damit bewog.

Heike Eipeldauer: Blue Elephant, der Titel der Ausstellung, spielt auf die taiwanesische Textilindustrie an, in der bis zu ihrem Niedergang in den 1990er-Jahren ein erheblicher Anteil der taiwanesischen Erwerbstätigen beschäftigt war. Diese trugen so maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung Taiwans bei. Was hat es mit der Metapher des „Blauen Elefanten“ auf sich?

Huang Po-Chih: Während des Zweiten Weltkrieges verwendete die chinesische Armee einen Elefanten namens Lin Wang im Kampf gegen die Japaner. Gegen Ende des chinesischen Bürgerkrieges 1949 flohen die chinesischen nationalistischen Kräfte nach Taiwan und brachten Lin Wang mit. In der bedrückenden gesellschaftlichen Atmosphäre in Taiwan während der Zeit des Kriegsrechtes stellte der Besuch von Lin Wang im Zoo eine großartige Möglichkeit dar, den lähmenden Alltag unter der Herrschaft der KMT [Kuomintang, die nationalistische Partei] zu unterbrechen. Meine Mutter und ihre Freund*innen verbrachten viele Stunden an den Nähmaschinen, weshalb ihre Waden anschwollen, und sie machten sich über sich selbst lustig, indem sie sagten, sie hätten „Elefantenbeine“. Meine Mutter bezeichnete sich im Spaß immer als „blauer Elefant“. Physiologisch spiegelt der Begriff indirekt die Arbeitsbedingungen und den Gesundheitszustand vieler Arbeiter*innen wider. Psychologisch gibt er einen Einblick in ihr Verhältnis zur Gesellschaft. Elefanten waren einmal das Symbol für Arbeiter*innen in der Propaganda der taiwanesischen Regierung zur Durchsetzung staatlicher Regulierungen. Das Bild suggeriert auch ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit und Rivalität im globalen Produktionsprozess – der Wettkampf um Quoten zwischen den vier Hauptzentren der Textilindustrie in Asien von den 1960er- bis zu den 1980er-Jahren: China, Taiwan, Hong Kong und Korea.

Heike Eipeldauer: Die Verschränkung von Persönlichem und Politischem ist ein durchgängiger Topos in deiner Arbeit, in der es immer wieder darum geht, die großen sozioökonomischen Transformationen in Ostasien durch die Erfahrungshorizonte individueller Protagonist*innen zu verhandeln. Oft ist es deine Mutter und ihre Lebensgeschichte, die den Ausgangspunkt bildet. Welchen Stellenwert hat das Autobiografische in deinem künstlerischen Zugang?

Huang Po-Chih: 2013 veröffentlichte ich Blue Skin, eine Sammlung von Essays, die sich allesamt um die Lebensgeschichte meiner Mutter drehen und die Entwicklung ihrer Karriere und ihre persönlichen Erfahrungen als Textilarbeiterin dokumentieren. Sie spiegeln auch die Reformen in der agrarisch verfassten Wirtschaft Taiwans wider, die Entwicklung einer gewerblichen Industrie, ihre Übernahme durch multinationale Unternehmen und all die gesellschaftlichen Veränderungen während der letzten fünfzig Jahre, in denen Taiwan Aufstieg und Niedergang seiner Textilindustrie erlebte. Aber diese Geschichten sind auch durchdrungen und verflochten mit meiner eigenen Fantasie. Die textilverarbeitende Industrie ist arbeitsintensiv und ich war immer Umgeben – nicht nur von meiner Mutter, sondern von anderen Textilarbeiter* innen oder „nähenden Tanten“, ihre Geschichten umschwebten mich ständig. Ich war immer extrem interessiert an diesen Erzählungen, die die Mainstream-Kultur vergessen hat, und indem ich ihren täglichen Gesprächen aufmerksam folgte, trieben ihre Fantasien und Träume mein Schreiben immer weiter an. Ich begann herauszufinden, wie ihre geistigen Mikrokosmen und der materielle Makrokosmos zusammenhingen.

Lesen Sie das vollständige Interview im Katalog zur Ausstellung Huang Po-Chih. Blue Elephant.


Huang Po-Chih. Blue Elephant
Herausgegeben von Heike Eipeldauer, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig
Wien, 2021
Vorwort von Karola Kraus, Heike Eipeldauer
Texte von Heike Eipeldauer, Huang Po-Chih, Amy Cheng
14,5 x 21,5 cm, 160 Seiten, deutsche Ausgabe
ISBN: 978-3-902947-94-9 (mumok), 978-3-7533-0151-8 (Walther und Franz König)
Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln
€ 14,90