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Aus dem Katalog Huang Po-Chih: Blue Elephant

mumok insider


Blue Skin
Die Geschichte meiner Mutter
Von Huang Po-Chih

Die Turteltaube des zweiten Bruders

„Da, da …“, sagte Dewi, eine Arbeitsmigrantin, die nebenan als Pflegerin tätig war, in gebrochenem Mandarin zu meiner Mutter. Sie machte das Beste aus ihrem begrenzten chinesischen Wortschatz und ihrer höchst ausdrucksstarken Körpersprache, um einen Vogel anzudeuten. Sie wollte wissen, warum meine Mutter sich jeden Tag mit dem Füttern so vieler Vögel abmühte. Zuerst waren es nur ein paar Turteltauben, aber dann kamen Elstern, Drosseln und ein paar andere Vogelarten hinzu, deren Namen ich nicht kannte. Die Turteltauben hatte Mama ganz besonders ins Herz geschlossen, weil sie einmal von einer blauen geträumt hatte.

Als ich mich darauf vorbereitete, auf den Philippinen meinen Wehrersatzdienst zu leisten, traf ich sie öfter, um sie über ihr Leben zu interviewen. Sie saß dann auf dem alten Sofa in der Ecke neben meinem Schreibtisch. „Saß“ ist das falsche Wort. Sie versank in dem Sofa, die Hände an der Seite, als sei sie vom Schleppen einer schweren Last erschöpft. So entspannte sie sich. Ihr Blick war mal nach oben, mal nach unten gerichtet und sie veränderte ihren Tonfall. Aber egal, wo sie hinschaute, sobald das erste Wort über ihre Lippen kam, schloss sie die Augen. Auf meinem Schreibtisch stand ein einfaches Aufnahmegerät. „Das Mikrofon trägt einen hübschen Pullover, ist ihm auch kalt?“, fragte sie und meinte damit ein Mikro mit einem Windschutz aus schwarzem Fell. Sie glaubte, es müsse warmgehalten werden. Anstatt sie anzusehen, starrte ich normalerweise auf meinen Laptopbildschirm. Oftmals war ich dermaßen damit beschäftigt, meine Notizen in die Tastatur zu klopfen, dass ich vergaß, den Aufnahmeknopf zu drücken. Ich weiß nicht mehr, bei welchem Thema die Geschichte der blauen Turteltaube aufgekommen war. Mutter meinte, es sei um ihren zweitältesten Bruder gegangen, einen Onkel, den ich leider nie kennengelernt habe.

Der Morgen in dem Traum war wie jeder andere Morgen. Der Bruder stand auf, zog sein Lieblingsoberteil an und neckte die Turteltaube in ihrem Käfig am Fenster mit dem Finger. Der Vogel gurrte und hüpfte aufgeregt in seinem Käfig umher. Der Bruder hatte ihn als Küken bekommen und selbst aufgezogen; kein Wunder, dass sie so vertraut waren. Der Vogel war aufgeweckt. Schon die leichtesten Gefühlsschwankungen des Bruders schien er zu spüren. Der Bruder und der Vogel kommunizierten miteinander auf eine Weise, die für uns nur schwer nachvollziehbar war. Beim Abschied lachte der Bruder fröhlich und schlug dabei mit den Armen. Von den Fingerspitzen bis zu den Schultern bewegte er ganz langsam jedes einzelne Gelenk. Er sagte, er müsse sich in eine Turteltaube verwandeln und mit der Taube im Käfig davonfliegen.

So hatte Mama diesen Morgen, der genauso war wie jeder andere, in Erinnerung. In seinem Lieblingshemd machte ihr Bruder sich mit ein paar einfachen landwirtschaftlichen Geräten in der Hand auf den Weg. Wie gewöhnlich ging er früh am Morgen los, doch am späten Nachmittag kam er nicht zurück. Sie hatten keine Ahnung, wohin er gegangen war. Ein halbes Jahr später fand ein Bauer bei der Heuernte ein weißes Skelett in einem blauen Hemd, daneben lag eine vom Gemeindeamt ausgegebene Pestizidflasche. Meine Mutter ging damals noch zur Grundschule. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihre verzweifelte Mutter, meine Großmutter, trösten sollte. Sie wusste, was Traurigkeit bedeutete, konnte es aber nicht ausdrücken. An dem Abend träumte sie von einer Turteltaube. Mit einer Geschichte auf dem Flügel flog sie in ihren Traum. Am nächsten Morgen erzählte Mutter ihrer Mutter von dem Traum. Sie glaubten, er sei gar nicht gestorben, er habe sich einfach in eine blaue Turteltaube verwandelt und sei davongeflogen.

Meine Mutter wurde im Jahr des Hasen geboren, sie war wie das kleine weiße Kaninchen in dem Kinderbuch, das sich die Augen ausweint, weil ein gemeiner Jäger es schikaniert. Jedes Wort dieser Geschichte brachte viele Tränen. Sie rollten ihre Wangen hinunter, durchnässten Taschentuch für Taschentuch. Am Ende schüttelte sie den Kopf, um die Tränen zu trocknen. Ein Lächeln drang durch ihre Tränen, und sie fragte sich, wie sie wohl geworden wäre, wenn ihr Bruder noch leben würde. In ihrem Brief schrieb sie Folgendes über ihn:

Als ich im dritten oder vierten Schuljahr war, verschwand auf einmal mein Bruder. Man fand ihn erst ein halbes Jahr später. Ich sah, wie traurig meine Mama war – sie war untröstlich. Danach ging ich oft mit meinen Schwestern zur Arbeit anstatt zur Schule. Darunter litten meine Noten. Doch als ich im fünften und sechsten Schuljahr wieder zur Schule ging, war ich von den 70 Schülern in der Klasse nahezu die beste. Der Lehrer ermutigte mich, weiterzulernen. Aber meine Familie war zu arm, um mich auf die weiterführende Schule zu schicken. Ich musste zu Hause bleiben und im Haushalt und auf dem Hof helfen.

Mutters rührende Geschichte verwandelte sich in einen leisen Ton, der mir durch den Kopf ging und in den Ohren klingelte. Anderthalb Jahre später, als ich mich ans Schreiben dieses Essay machte, schickte meine Freundin mir die Coverversion des Beatles-Songs „Across the Universe“ von Fiona Apple.

Sounds of laughter, shades of life
Are ringing through my open ears

Inciting and inviting me
Limitless, undying love
Which shines around me like a million suns
It calls me on and on across the universe
Jai Guru Deva, Om
Nothing’s gonna change my world

Wieder und wieder habe ich ihn gehört und ihn schließlich einer gewissen blauen Turteltaube gewidmet, die durchs Universum fliegt.