Sie sind hier

60 Jahre mumok | Teil 3: Die 1980er-Jahre

mumok insider


Auf den krankheitsbedingt frühpensionierten Alfred Schmeller folgte 1979 Dieter Ronte, der das Museum bis 1989 leitete. Der Übergang von Schmeller zu Ronte war von einer für die Sammlung und die räumliche Situation des Museums tiefgreifenden Wende gekennzeichnet, die durch die Übernahme von ca. 130 Leihgaben des deutschen Ehepaares Peter und Irene Ludwig ausgelöst wurde. Der eigentliche Urheber dieser Entwicklung war der Präsident des Wiener Künstlerhauses, Hans Mayr, der 1977 in seinem Haus eine Ausstellung mit zentralen Werken der amerikanische Pop Art und des Fotorealismus aus dem Besitz der Ludwigs realisiert hatte. Es gelang Mayr und seinen Mitstreitern, wie dem Kunsthistoriker Hermann Fillitz, das Sammlerehepaar und die österreichische Politik unter Ministerin Herta Firnberg durch die Gründung der Österreichischen Ludwig-Stiftung 1981 zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, die zum einen dem Museum durch Dauerleihgaben zu einem neuen internationalen Profil verhalf und zum anderen durch ein langfristig ausgerichtetes Stiftungsbudget bis heute Ankäufe arrivierter internationaler Kunst ermöglicht. Die ebenfalls Ende der 1970er-Jahre ins Museum gelangte Sammlung des Fluxus- und Nouveau Realisme des Kölner Restaurators Wolfang Hahn verlieh zusätzlichen internationalen Auftrieb.

Die Konsequenzen dieses Zuwachses waren die Anmietung des barocken Palais Liechtenstein im 9. Bezirk sowie die Direktion Rontes, der zuvor Leiter der Graphischen Sammlung des Museum Ludwig in Köln war. Das Museum des 20. Jahrhunderts war nun zu klein geworden und bildete mit dem Palais Liechtenstein – in neuer Bezeichnung – das Museum moderner Kunst, das durch weitere Leihgaben und Schenkungen der Ludwigs 1991 den Zusatz Stiftung Ludwig Wien erhielt. Diese Fusion der Häuser ging nicht ganz ohne Verwirrungen für die Öffentlichkeit ab. Was sollte man unter einem Museum des 20. Jahrhunderts in einem Museum moderner Kunst verstehen? Die Doppelung des Museumsbegriffs trug nicht gerade zur Klärung bei und die beiden völlig unterschiedlichen Gebäude an weit auseinander liegenden Orten taten ihr Übriges. Die umgangssprachliche Rede vom 20er Haus entsprach daher auch dem pragmatischen Versuch einer Begriffsentwirrung. Man betrachtete die Gebäude als Provisorien, denn Ziel war bereits damals ein einziges und gemeinsames Gebäude in den ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen, dem heutigen MuseumsQuartier.

Ronte stemmte sich in seinen Medienauftritten mutig gegen das Bürokratentum der staatlichen Museumsverwaltung und hielt auch mit seiner Kritik an der prekären budgetären, personellen und räumlichen Situation nicht zurück. Nichtsdestotrotz haben Ronte und sein Team in den 1980er-Jahren mit ihrer engagierten Sammlungs- und Ausstellungspolitik die Internationalisierung vorangetrieben. Um nicht nur vereinzelte Werke von Künstler*innen zu besitzen, gelang es, weitere Werke von Josef Albers, Alexander Calder, Johannes Itten, Paul Klee und Frantisek Kupka in die Sammlung zu integrieren. Erstmals neu hinzugekommen sind u. a. Werke von Constantin Brancusi, Giorgio De Chirico und Jean Fautrier. Von den heimischen Künstler*innen konnten Werkkomplexe von Maria Lassnig, Josef Mikl, Markus Prachensky oder Arnulf Rainer für das Museum gesichert werden.

Beispielhaft waren auch jene Ausstellungen über Künstler*innen, die Österreich aus wirtschaftlichen oder politischen Zwängen verlassen mußten, wie Oskar Kokoschka (1982), Richard Neutra (1983), Erika Giovanna Klien (1987) und Friedrich Kiesler (1988). In Rontes Ausstellungspolitik stechen neben Retrospektiven u. a. von Arnulf Rainer (1981), Christian Ludwig Attersee (1982), Maria Lassnig (1985), Kurt Kocherscheidt (1986), Hermann Nitsch (1989) oder Gerhard Richter (1986) besonders wegweisende Themenausstellungen hervor. So zeigte die Kuratorenlegende Harald Szeemann Der Hang zum Gesamtkunstwerk (1983), nachdem bereits 1979 Monte Verita im Museum zu sehen war – Projekte, die heute noch Kultstatus besitzen. Mit Einfach gute Malerei (1983) oder Hacken im Eis (1986) fand auch die neue wilde Malerei der 1980er-Jahre im Museum ihren Ort. Darüber hinaus waren neue raumbezogene Kunst in Der Traum vom Raum (1984), feministische Positionen in Kunst mit Eigensinn (1985) oder die auf die Malerei folgenden neokonzeptuellen Tendenzen in Hommage – Demontage (1989) zu sehen. Im Palais Liechtenstein, das viele der Hauptwerke der Klassischen Moderne beherbergte, brachten insbesondere die Ausstellungen über Fotografie und Grafik in den sogenannten grafischen Räumen frischen Wind ins Museum. Ein nicht unbeträchtliches Verdienst in einem von überwältigendem barocken Dekor beherrschten Palais.

Rainer Fuchs