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60 Jahre mumok | Teil 1: Die 1960er-Jahre im Schweizergarten

mumok insider


Die Eröffnung des Museums des 20. Jahrhunderts am 21. September 1962 stellt einen markanten Wendepunkt in der österreichischen Kunst- und Kulturpolitik dar. Gegen die bis dahin herrschende Ignoranz des Staates gegenüber der Kunst seit der Moderne konnte nun Stellung bezogen werden. In der ersten Ausstellung zeigte der Gründungsdirektor Werner Hofmann Kunst von 1900 bis heute und lieferte damit einen eindrucksvollen Nachhilfeunterricht für eine moderneresistente, sich in Geschichtsverdrängung und bigottem Katholizismus übende Nation. Auch mit seinem Katalogvorwort leistete Hofmann Aufklärungsarbeit in Bezug auf die Geschichte staatlicher Museumspolitik. Ohne Umschweife beschreibt er das Tohuwabohu um eine bereits um 1900 geplante Moderne Galerie, für die nie ein eigenes Gebäude geschaffen wurde und deren Bestände immer wieder zwischen Kunsthistorischem Museum und Österreichischer Galerie (Belvedere) aufgeteilt und herumgeschoben wurden, ohne je eine entsprechende Präsentation zu erfahren. Hofmann verdeutlichte, dass nun mit dem Lavieren Schluss sei, aber zugleich auch historische Fakten geschaffen worden waren, deren Spuren nicht so einfach zu beseitigen waren. Er entschied sich daher aus der Not eine Tugend zu machen und statt unerschwinglicher Meisterwerke die wesentlichen Strömungen anhand „konstitutiver Entwicklungsträger“ (Hofmann) zu veranschaulichen, auch wenn deren Namen nicht allen geläufig waren. Darin spiegelte sich auch Hofmanns Interesse an vermeintlich peripheren Positionen in der Kunst, wie es auch in seiner Dissertation über die Karikatur als zu Unrecht marginalisierte Kunstform zum Ausdruck kam. Dennoch gelang es ihm in dreijähriger Vorbereitungszeit, mehr als hundert Werke, darunter auch von namhaften Künstler*innen, für die Ausstellung zusammenzutragen, wobei rund zwei Drittel der Werke Dauerleihgaben und Leihgaben waren. Dabei halfen ihm besonders seine Kontakte zu französischen Sammler*innen und Künstler*innen sowie auch zur lokalen Kunst- und Museumsszene.

Da wiederum kein eigens für die Kunst konzipiertes Gebäude errichtet wurde, sondern der 1958 von Karl Schwanzer für die Expo in Brüssel gestaltete Österreich-Pavillon nach Wien transferiert wurde, war Hofmann auch damit beschäftigt, diesen Pavillon ausstellungstauglich zu machen. Der mußte dafür ziemlich umgekrempelt werden, da er nur im oberen Bereich einen überdachten Umgang hatte, ansonsten aber ein gegen den Umraum völlig offenes Untergeschoss besaß. Man überdachte nun das gesamte Gebäude, verglaste das Untergeschoss, verlegte die Treppe ins Innere und errichtete einen Vorbau. Hofmann tat sich mit kleineren Formaten und traditionelleren Medien noch leichter, aber im Laufe der folgenden Jahrzehnte zeigten sich immer stärker auch die Tücken dieser spätmodernen Messehalle, wenn es etwa um die Präsentation medienbasierter oder großformativer und installativer Arbeiten ging.

Ein Schwerpunkt von Hofmanns Sammlungs- und Ausstellungspolitik lag auf dem skulpturalen Schaffen, wobei aber auch – in einer Ausstellung wie Kinetika (1967) – der Wandel des Skulpturenbegriffes und neue Formen zeitbezogener Objektkunst vermittelt wurden. Ausstellungen wie Von Rodin bis heute oder Plastiken und Objekte (von Medardo Rosso bis Bruno Gironcoli) (1968) zeigten Hofmanns Bemühen, die Bandbreite internationaler Skulptur vorzustellen und zugleich die lokale Szene einzubinden. So wurden u. a. Fritz Wotruba (1963), Rudolf Hoflehner (1963), Wander Bertoni (1964) und Roland Goeschl (1969) eigene Ausstellungen gewidmet, aber auch den Malern Josef Mikl (1964), Wolfgang Hollegha (1967) und Arnulf Rainer (1968). Mit Emil Nolde (1965), Paul Klee (1968) oder Fernand Léger (1968) waren auch internationale Berühmtheiten zu sehen, die Hofmanns sonstigen Hang zur Bescheidenheit relativierten. Mit Ausstellungen wie Französischer Film von 1900 bis heute (1963), Adolf Loos (1964), Franz Kafka (1966), Schönberg – Webern – Berg (1969) war eine medienübergreifende Programmatik angezeigt, wie sie auch Ausstellungen zur Pop Art  etc. (1964) oder zu zeitgenössischem italienischem Design unter Beweis stellten. Während dabei erstmals in Wien Arbeiten von Stars wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Andy Warhol, Tom Wesselmann, Arman und Daniel Spoerri zu sehen waren bzw. italienisches Design, das heute im Midcentury Hype Kultstatus erlangt hat, spiegelte sich im Ausstellungsprogramm bisweilen auch aktuelle Zeitgeschichte, wie in einer Fotografieausstellung, die den Pariser Studentenunruhen vom Mai 1968 Sichtbarkeit verlieh.

Rainer Fuchs