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Ashley Hans Scheirl, Tina im Kupkakleid und ich mit Pinsel, 2017

mumok collects


Ashley Hans Scheirl

Tina im Kupkakleid und ich mit Pinsel, 2017

Acryl auf Leinwand
230 x 280 cm, erworben 2017

Auf der Leinwand monumental in Szene gesetzt hat sich Ashley Hans Scheirl mit Lebens- und Arbeitspartnerin Jakob Lena Knebl. Tina im Kupkakleid und ich mit Pinsel lautet der lapidare Titel. Ein Porträt. Knebl, Tina genannt, posiert vor hellblauem Hintergrund in einem Bildausschnitt, der an eine Tür erinnert, der Blick ist freigegeben auf den Rapport eines dekorativ-ornamentalen Fliesenbodens. Das Kinn erhoben und leicht vorgestreckt, blickt sie provokant aus dem Bild. Ihr auffälliges Kleid entstand für ein Fotoshooting im mumok. Das „Kupkakleid“ ist bedruckt mit einem Motiv des Malers František Kupka. Nocturne, so der Titel seines kleinformatigen Bilds aus dem Jahr 1908, gehört zu den Hauptwerken der Sammlung des Museums und ist eines der frühesten Beispiele gegenstandsloser Malerei überhaupt – ein reiner Farbklang in Blau- und Grüntönen. Knebl „trägt“ das Bild: In Scheirls Malerei wird der Stoff des Kleides zum Bild im Bild, zur bemalten Fläche, die mit der zweidimensionalen Leinwand in eins fällt – und darunter treten die Beine mit Strumpfhosen und Highheels hervor. Scheirl selbst steht in einem eigenen Bildraum daneben, den Kopf leicht gesenkt, sein / ihr Blick fixiert die Betrachter_innen. Die Kleidung ist mit großer malerischer Raffinesse im Stil des Hyperrealismus ins Bild gesetzt: Von den violetten Stiefeletten über die Netzstrumpfhosen bis zum breiten Gürtel, der über einer irgendwie unpassenden braunen Unterhose sitzt. Der nackte Oberkörper ist im Gegensatz dazu seltsam unkörperlich: Malerei in hellem, kaltem Grau und mit schillernden Farbflecken auf der Brust und genauso wie Knebls Kleid daneben eindeutig aus Farbe, „Paint“, aufgebaut. Mode und Malerei – Kleid und Pinsel – wie der Titel deutlich sagt, sind die Medien, mit denen Knebl und Scheirl arbeiten.

Scheirl hält den Pinsel in der Hand: Kein Malpinsel, sondern ein breiter Werkzeugpinsel, von dem goldene Farbe auf den Boden tropft. In einem Schwall aus Gold manifestiert sich die virile Fruchtbarkeit, mit der in der Mythologie der Gott Zeus die Königstochter Danae überflutet. Scheirl nutzt solcherart symbolische Überhöhungen und setzt Gold, das ultimativ kostbare und begehrenswerte, in seinem Glanz aber so seltsam ungreifbare Element, in Bildern und Installationen immer wieder ein: als Ausscheidung, als Körperflüssigkeit, die sich zu Erdöl und zur Malfarbe transformieren kann und damit Prozesse durchläuft, in denen Körper, Geschlecht, libidinöses Begehren, kapitalistische Ökonomie, Malerei und Kunstsystem ineinander verflochten sind. Das Gold ist nur ein Vehikel in Scheirls künstlerischem Repertoire, in dem das Hinterfragen von gesellschaftlichen Normen und Verhältnissen und die Weiterentwicklung des Umgangs mit der eigenen Identität und Sexualität zentrale Momente sind – in Film, Performance, Malerei, Zeichnung, Skulptur und Installationen, die alle Medien zusammenführen.

In diesem Bild geht es immer wieder um Veränderungen und Transformationen, um Übergänge zwischen unterschiedlichen malerischen Zonen und Räumen: So steht Knebl in einer Art Türrahmen, an dem sie sich mit lässiger Geste abstützt, der aber fließend in den Bildraum der Malerin übergeht. Diese Übergänge sind trickreich und mit vielfältigen Anspielungen inszeniert: Links „beginnt“ der Hintergrund mit Farbflecken, breiten Pinselstrichen in Grau und Gelb – eine lässige Vereinnahmung der malerischen Gesten des Abstrakten Expressionismus der 1950er-Jahre und Verweis auf den „Malerfürsten“ im heterosexuell dominierten Malereidiskurs. Am oberen Bildrand lösen sich die Pinselstriche auf und gehen in einen Sprühregen aus Farbe über, der in einen Raum mit sich überkreuzenden Leuchtröhren hineinspritzt. In diesem auf den ersten Blick perspektivisch konstruierten Raum, der an ein Atelier erinnert, steht Scheirl vor einer weißen Wand, die sich, wandert der Blick nach unten, als eine mit etwas Abstand vom Boden gehängte weiße Leinwand entpuppt. Die gemalte Leinwand im Bild und die reale Leinwand des Bildes sind Austragungsorte malerischer Ereignisse: Die Malerei schlüpft – genauso wie die Dargestellten – in verschiedene Rollen, von abstrakt bis realistisch, flächig und dreidimensional sind sie derart ineinander verwoben, dass sich keine Grenzen fixieren lassen. Das Bild ist die konstruierte Bühne dieser malerischen Ereignisse und der handelnden Personen.

Bühnen spielen bei Scheirl immer wieder eine Rolle: als begehbare Malerei, mit denen er / sie Räume gestaltet; in Form von Bildern, die auf Stützen zu Bühnen zusammengefügt werden oder gemalt in Bildern, die einen durch unterschiedliche Realitätsebenen verschachtelten Raum vorstellen, in dem sich Privates und Öffentliches vermischt, wo Körper, Identitäten und Räume Zusammenhänge bilden, nur um sich wieder zu uneindeutigen Situationen aufzulösen, die sich nicht festlegen lassen, man könnte auch sagen: die sich das Recht nehmen, jederzeit etwas anders werden zu können.

Jörg Wolfert