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Anna Artaker, Personenalphabet, 2008

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Anna Artaker

Personenalphabet, 2008

32 SW-Drucke auf Papier
Maße variabel
Erworben mit Unterstützung des BKA, Sektion Kunst, 2011

Ein Alphabet aus Personen statt aus Buchstaben? Da lohnt es, sich zuerst einmal den aus der Antike stammenden Begriff der Person zu vergegenwärtigen. Denn neben seiner Bedeutung von „Persönlichkeit“ trug dieser immer schon jene der „Maske“ oder „Rolle“ in sich. Auch heute bezeichnet die „Persona“ in der Psychologie die nach außen hin gezeigte „Schauseite“ eines Menschen, die Rolle, die sie oder er in der Öffentlichkeit einnimmt – bis hin zum eigenen Facebook-Profil. Der Maske kommt in Pandemie-Zeiten, wie wir sie auch jetzt gerade erleben, zudem eine ganz eigene Bedeutung zu: Sie dient dem Schutz vor der Krankheit und hat eine lange Tradition – man denke nur an die Schnabelmasken, die sogenannte Pestdoktoren trugen. Sie waren mit Heilkräutern gefüllt und sicherten den Abstand zu den Erkrankten. In Kostümen beim Karneval von Venedig wird an sie erinnert.

Aber zurück zu Anna Artakers Personenalphabet: Dieses reiht 32 ikonisch gewordene Porträtfotografien berühmter Persönlichkeiten aneinander: Da ist etwa Andy Warhol zu sehen, die Schauspielerin Tilda Swinton, Popikone Tina Turner, die Theoretikerin Susan Sontag oder der Philosoph Theodor W. Adorno. Die Künstlerin selbst nennt es „eine Art Selbstporträt“, denn es zeigt eine Auswahl jener Bilder, die ihre eigene visuelle Erinnerung mitprägten; zugleich spiegelt sich darin auch das kollektive Bildgedächtnis ihrer Zeitgenoss_innen, also von uns allen. Oder vielmehr zeigen sich darin die Bruchlinien unseres eigenen Gedächtnisses und sozialen Umfelds: Welches Gesicht erkennen wir, welches nicht? Können wir die Zeichen zuordnen, wie die Buchstaben des Alphabets den Lauten?

Die Porträtfotos haben eines gemeinsam: Sie alle zeigen Gesichter, die wir nur aus der Distanz (und bei persönlicher Abwesenheit) kennen, nämlich aus Medien wie Büchern oder Zeitschriften, dem Fernsehen oder Internet. Sie sind, um mit dem Bildtheoretiker Hans Belting zu sprechen, bereits als Masken entstanden. Das bedeutet, sie sind unabhängig von der Persönlichkeit, der sie eigentlich zugehören. Denn im Gegensatz zum offenen, nie zur Gänze fassbaren Gesicht kann nur die starre Maske zum Zeichen beziehungsweise ikonischen Bild werden. Wenn also, wie hier im Personenalphabet, Porträts an die Stelle von abwesenden Gesichtern treten, so sehen wir in ihnen auch die Maske von uns selbst.

Ines Gebetsroither

Aus dem Katalog 55 Dates, Text bearbeitet und gekürzt (Hg. v. Jörg Wolfert, Verlag: Verlag der Buchhandlung Walther König Köln 2018)