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Andy Warhol, Ladies and Gentlemen, 1975

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Andy Warhol

Ladies and Gentlemen, 1975

Acryl, Siebdruck auf Papier, 305 × 205 cm
Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung, seit 1987

„Ladies and Gentlemen“ klingt wie die Eröffnung einer Bühnenshow. Bei dem Bild handelt es sich um ein monumentales Porträt, knapp über drei Meter hoch und zwei Meter breit, Teil einer Serie, in der alle Werke den gleichen Titel tragen. Die Bilder entstanden 1975, zu einer Zeit, als Warhol einen maximalen Output an Bildern in Umlauf brachte und in seinem Studio jede und jeden für Geld porträtierte – nach einem genauen Preisschema gestaffelt. Vor diesem Hintergrund ist die Serie der Ladies and Gentlemen ein Ausreißer: Nicht die Reichen und Berühmten, die es sich leisten konnten, oder die, die durch andere Taten Ruhm im Starhimmel behaupteten wie Marilyn, Mao oder Jackie, wurden hier in Szene gesetzt, sondern Drag Queens, die für diesen Zweck in einem New Yorker Nachtclub angeheuert wurden.

Mit Porträts von Männern in Drag und Transgenderpersonen griff Warhol ein Thema auf, das ihn seit den Anfängen seiner Karriere in New York begleitete, wo er sich bereits zu Beginn der 1950er-Jahre in der weitvernetzten Schwulen- und Dragszene bewegte. Seine frühen Zeichnungen und Buchprojekte etwa zeigen Männer in Drag, so wie das Ladies Alphabet, eine als ABC-Buch konzipierten Serie. Hier sind – halb versteckt und nur für Eingeweihte erkennbar – zwischen den Darstellungen von Frauen in dem karikaturhaften, humorvollen Stil des Werbegrafikers drei Darstellungen von Männern in Drag eingebaut. Was verspielt und witzig daherkommt, war allerdings ein Spiel mit Risiken, denn Homosexualität war, wie fast überall damals, offiziell strafbar.

Mit Ladies and Gentlemen hat Warhol sein Interesse für Geschlechterperformance über 20 Jahre später auf die große Leinwand gebracht. Die breiten Pinselstriche zeigen, wie die Umrisse in leuchtenden Farben angelegt wurden, bevor das Motiv in Violett mit einem Siebdruck darübergelegt wurde. Das Relief der Farbe ist unter dem Druck deutlich zu erkennen. Durch die scheinbar etwas nachlässige Ausführung ist das Gesicht der Person eher schemenhaft zu erkennen. Die Darstellung ist zwar monumental, aber die Person bleibt verborgen, ihre Identität gleichsam verschleiert unter dem grob ausgeführten Druck und Farbauftrag. Warhol laviert (wieder einmal) geschickt zwischen öffentlicher Inszenierung und malerischem Verklausulieren, Zeigen und Verstecken.

Ein breites Lächeln, einen Schal wie einen Turban auf dem Kopf und große runde Ohrringe: Die Darstellung gibt keinen Hinweis auf Drag, keine theatralische Pose oder exzentrische Kleidung, übertriebene Frisur, sondern zeigt einfach eine Frau, die in die Kamera lacht. Wie in seinen frühen Arbeiten verunklärt Warhol die Darstellung: Die Männer in Drag sind auf den ersten Blick nicht von Frauen zu unterscheiden und werden als eine idealtypische Vorstellung von „Weiblichkeit“ inszeniert. Warhol selbst hatte es so gesagt: „Among other things, drag queens are living testimony to the way women used to want to be, the way some people still want them to be, and the way some women still actually want to be. Drags are ambulatory archives of ideal moviestar womanhood. They perform a documentary service, usually consecrating their lives to keeping the glittering alternative alive and available for (not-too-close) inspection.“ (Drag Queens sind unter anderem auch ein lebendiges Zeugnis dafür, wie Frauen früher sein wollten, wie manche Menschen sie immer noch haben und wie manche Frauen tatsächlich noch sein wollen. Drags sind ein wandelndes Archiv des idealen Filmstar-Frauseins. Sie leisten einen dokumentarischen Dienst und widmen ihr Leben in der Regel der Aufgabe, die schillernde Alternative am Leben zu erhalten und zur [nicht allzu nahen] Einsichtnahme verfügbar zu machen.)

Vor wenigen Jahren erst wurde die Frage gestellt, die Warhol offenbar nicht interessierte: Wer genau waren diese Personen? Die Serie entstand im Auftrag (eine Million Dollar als Honorar werden genannt) des Mailänder Kunsthändlers Luciano Anselmo. Warhols Freund und Assistent Bob Colacello heuerte im New Yorker Nachtclub The Gilded Grape Drag Queens für lediglich 50 Dollar dafür an, sich fotografieren zu lassen. Warhol machte mehr als 500 Polaroids und schuf 268 Leinwände, womit er die Anforderungen seines Auftrags um ein Vielfaches übertraf. Erst 2018 brachte eine Recherche der Andy Warhol Foundation die Identität der meisten der 14 Drag Queens zu Tage. Tatsächlich waren durchaus bekannte Persönlichkeiten darunter, so etwa Marsha P. Johnson, eine prominente LGBT-Aktivistin, die 1969 an den Stonewall Riots beteiligt war. Das Wiener Bild zeigt Wilhelmina Ross, die zu der Zeit mit der Theatergruppe Hot Peaches auftrat. Wie bei vielen Drag Queens begleiteten prekäre Lebensverhältnisse den schillernden Schein. Viele von ihnen, zudem oft people of color, waren gezwungen, ihr Geld durch Prostitution zu verdienen, Drogenmissbrauch war weit verbreitet. Wilhelmina starb vermutlich einige Jahre später obdachlos auf der Straße. Überliefert ist einer ihrer Auftritte in der Hot Peaches Show: Wilhelmina als „drag queen superstar Belladella Bosom“, in einem Volantkleid aus weißem Satin, singend: „I’m not a woman, I’m not a man, it’s my own game“ (Ich bin keine Frau, ich bin kein Mann, ich spiele mein eigenes Spiel). Applaus.

Jörg Wolfert