Sie sind hier

Andy Warhol – Kiss

mumok insider


1987 konstatierte Andy Warhol in einem Interview im Magazine Flash Art: „[My films are] better talked about than seen.”

Prägnanter hätte Warhol sein filmisches Werk wohl kaum zusammenfassen können, denn die schiere Dauer der frühen Stilllebenfilme – man denke nur an das 8-stündige Ausdauertraining in Form von Empire – sowie die Tatsache, dass Warhol 1972 seine Filme bewusst der Öffentlichkeit entzogen hatte, führten mehr zu Annahmen als zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit ihnen.

Zur Gänze gesehen haben seine Filme daher wohl nur wenige. Dies mag auch daran liegen, dass Warhols filmisches Werk auf mehr als 4.000 Rollen, ca. 150 Filme und 472 Screen Tests geschätzt wird – eine unvorstellbare Materialfülle, die in nur fünf Jahren entstand (1963–1968). Zunächst waren das 16-mm-Filme ohne Ton und in Schwarzweiß, später erhielten sie Farbe und Ton.

Zu diesen frühen Beispielen zählt auch der 58-minütige Stummfilm Kiss. Der Titel hält, was er verspricht: Kiss zeigt eine Serie von jeweils vierminütigen Close-up-Kusssequenzen. Zu sehen sind berühmt berüchtigte Warhol-Akteur*innen wie Naomi Levine, Gerard Malanga, Baby Jane Holzer oder John Palmer. Der Twist: Warhol schockierte sein zeitgenössisches Publikum, indem er der Serie einen für damalige Verhältnisse skandalösen Moment unterjubelte: Anstatt des gewohnten Anblicks eines heterosexuellen Paares präsentiert eine der Filmrollen zwei sich küssende Männer. Eine Form von „gay code“, der bereits in Warhols Frühwerk häufig zum Einsatz kam. 

In Anlehnung an das Genre des Stummfilms spielte Warhol zudem gezielt mit der Abspielgeschwindigkeit: so wurde Kiss mit 24 Bildern pro Sekunde aufgenommen, aber mit nur 16 Bildern pro Sekunde abgespielt. Die Verlangsamung der Abspielgeschwindigkeit führte zu einem immer stärkeren Stillstand des Bewegtbildes und verdeutlicht noch einmal, wie stark Warhol die Grenzen unterschiedlicher Medien auslotete.

Kiss ist in der Ausstellung ANDY WARHOL EXHIBITS a glittering alternative neben den Stilllebenfilmen Eat, Sleep, Empire und Blow Job zu sehen. Es handelt sich hier um Filme, die Warhol selbst immer wieder in Ausstellungskontexten präsentiert hat, weshalb ein Präsentationsmodus gewählt wurde, den Warhol ebenso immer wieder einsetzte: mit Live-Radio-Begleitung. So untermalt das Programm von Radio Wien den Film Kiss, FM4 Blow Job, Ö1 Empire, Ö3 Sleep und Radio Niederösterreich Eat. Eine zeitgenössische Untermalung, die den Blick aktualisiert.

Marianne Dobner