X-Screen

Kinematografische Expansionen 27.02.-29.02.2004

Nicole Brenez
Ronald Nameth's 'Andy Warhol's Exploding Plastic Inevitable' and the Anthropology of Spectacle
Fr, 27. 02.04, 18.00 Uhr
Andy Warhol's Exploding Plastic Inevitable von Ronald Nameth repräsentiert einen entscheidenden Moment in der Praxis des Expanded Cinema. Warum? Weil der Film brillant fünf der anthropologischen Dimensionen des Fests artikuliert, diese angeblich wertlose Manifestation, die die Formen ritualisiert, mittels derer eine menschliche Gemeinschaft ihre Mitglieder verbindet, indem sie sich gegenseitig definieren.
Nicole Brenez unterrichtet Cinema Studies an der Universität Paris-1. Sie ist Kuratorin für Avantgarde-Film an der Cinémathèque Française und konzipierte zahlreiche Filmreihen und -retrospektiven (u.a. 'Jeune, dure et pure, une histoire du cinéma d'avant-garde en France', 2000). Publikationen (Auswahl): Shadows de John Cassavetes (Nathan, 1995), De la Figure en général et du Corps en particulier. L'invention figurative au cinéma (De Boeck Université, 1998).

David E. James
Expanded - and Contracted - Cinema in Los Angeles
Fr, 27. 02.04, 19.00 Uhr
Dieser Vortrag widmet sich der Frage, wie die Nähe und enorme kulturelle Macht der Hollywood-Filmindustrie die Versuche von FilmemacherInnen und KünstlerInnen in Los Angeles, alternative Formen des Kinos zu entwickeln, beeinflusst hat: einerseits verschiedene Formen des häuslichen Kinos als Versuch, ein Gegengewicht zu den kommerziellen Funktionen der Filmindustrie zu setzen, andererseits Versuche, die Industrie zu hinterfragen oder sich daran anzugliedern. FilmemacherInnen, mit denen sich David E. James auseinandersetzt, sind Maya Deren, Kenneth Anger, Wallace Berman, John Baldessari, Single Wing Turquoise Bird und Roger Corman.
David E. James ist Professor an der School of Cinema-Television der University of Southern California. Publikationen (Auswahl): Allegories of Cinema: American Film in the Sixties (1989), To Free the Cinema: Jonas Mekas and the New York Underground (Hg., 1992)  Power Misses: Essays Across (Un)Popular Culture (1996). In Kürze erscheint: The Most Typical Avant-Garde: History and Geography of Minor Cinemas in Los Angeles.

Peter Gidal
Zeit der Materie (bzw. Zeit für Material)
Sa, 28.02.04, 14.00 Uhr
Materialität und Prozess sind die zeitbedingten Gegebenheiten, die unerlässlich sind zur experimentellen Filmarbeit der Co-op und meiner Arbeiten in den 60er und 70er Jahren.  ... Der Augenblick, der immer schon - obwohl präsent - verloren ist, ist für die Wahrnehmung des Films eine unendliche Problematik des Sehens und des Glaubens, der "Wahrheiten" des bewussten und unbewussten Erkenntnisversuchs und deren Unmöglichkeit(en). ... Prozess und Materialität sind also nicht empirisch eindeutig, sondern im Gegenteil von Moment zu Moment existent, doch undarstellbar. ... Die gleichzeitige Subjektivität der ZuschauerInnen von Augenblick zu Augenblick ist immer verfangen in  dieser Dialektik der Versuche und deren Unmöglichkeiten ... alle Identifikationen 'natürlich(e)' Illusion. ...  Aber die materielle Filmarbeit macht diese Unentbehrlichkeit entbehrlich ... in einer Zeit, die schon längst vergangen ist, sobald sie erlebt ist.
Peter Gidal ist Filmemacher und Filmtheoretiker. Er gestaltete seit 1967 über 30 Experimentalfilme und gilt als einer der Hauptvertreter des britischen Strukturellen Films. Er ist Autor von Theory and Definition of Structural/Materialist Film (1974-5, Studio International). Publikationen (Auswahl): Andy Warhol: Films and Paintings (Studio Vista, 1971), Understanding Beckett: Monologue and Gesture (Macmillan, 1986), Materialist Film (Routledge, 1989). In Kürze erscheint: Against Metaphor.

Birgit Hein
Jenseits von Narrativität
Sa, 28.02.04, 15.00 Uhr
Narrativität als Sprache des Films wird bis heute von den traditionellen Erzählformen des Spielfilms bestimmt. Deren Analyse in der Filmtheorie orientiert sich am Vorbild linguistischer Modelle (Eco, Metz). In Abgrenzung dazu wird der strukturelle Film der 60er und 70er Jahre, der das Medium als visuelles System, mit seinen Eigenschaften und dem Material reflektiert, als nicht-narrativ verstanden. Nicht-narrativ ist jedoch nicht gleichbedeutend mit nicht- gegenständlich oder nicht-inhaltlich. So führt die Auseinandersetzung mit der Problematik der Erzählung unter anderem auch dazu, die Linearität der kausalen Abfolge als Ausdruck autoritärer Systeme zu erkennen ('Filme jenseits der Sprache und Macht', Peter Weibel). In diesem Sinne erweisen sich die non-linearen Strukturen eher als Erweiterung des Narrativen, die neue Erzählformen und Bildsprachen ermöglichen, um Inhalte zu vermitteln, die dem zeitgenössischen Denken entsprechen. Als Ausgangspunkt für meine Auseinandersetzung mit dem Thema beziehe ich mich auf die besondere Position des Films in Theorie und Praxis von Happening und Fluxus und die daraus folgende Thematik des strukturellen Films im Zusammenhang der bildenden Kunst.
Birgit Hein ist Filmemacherin und Filmwissenschaftlerin. Experimentalfilme und Performances von 1966-1989 mit Wilhelm Hein. 1968 Mitbegründerin von XSCREEN, einer der ersten Vorführstätten für Avantgarde- und Experimentalfilm in Deutschland. Seit 1971 zahlreiche
Veröffentlichungen zum Thema Film als Kunst (u.a. Film im Underground 1971, Film als Film 1977, zus. mit Wulf Herzogenrath). Seit 1990 Professorin für Film und Video an der HBK Braunschweig und Autorin von dokumentarischen Filmessays.

Gregor Stemmrich
Zwischen Aktivismus und Kontemplation: Film im/als Feld von Oppositionen
Sa, 28.02.04, 16.30 Uhr
Das Filmemachen und mehr noch der Diskurs über das Filmemachen war in den 60er/70er Jahren geprägt von kategorialen Oppositionen: allen voran die von Cinema und Counter-Cinema; dann aber auch die zwischen selbstreflexiv-narrativem Avantgardefilm im Kontext des kommerziellen Kinos (Godard u.a.) und formalistisch-antinarrativem Avantgardefilm außerhalb dieses Kontextes; zwischen dem psychedelischem Pleonasmus des 'Expanded Cinema' und der rigiden Systematik des 'strukturellen Films'; zwischen Undergroundfilm und politisch motiviertem Dokumentarfilm; zwischen einer Thematisierung und Benutzung des Mediums im Kunstkontext und seinem Gebrauch außerhalb dieses Kontextes. Ihren gemeinsamen Ursprung haben diese diversen Praxisformen und Dichotomien in der Frage, wie ein Massenmedium als Kritik der Massenkultur Verwendung finden kann und welches unausgeschöpfte Potenzial diesem Medium beizumessen ist. Diese Frage ist heute so akut wie vor 30 Jahren. Aber das Feld der Oppositionen ist kollabiert. Ausgehend von verschiedenen Bezugspunkten geht der Vortrag Fragen nach, die diesen historischen Prozess und seine diversen Bedingungen betreffen.
Gregor Stemmrich ist Professor für Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts/Schwerpunkt Gegenwart an der Hochschule für Bildenden Künste Dresden. Er konzipierte 2001 das Symposium 'eine andere Kunst - ein anderes Kino' (Berlin). Publikationen (Auswahl): Minimal Art. Eine kritische Retrospektive (Hg., 1995), Jeff Wall. Szenarien im Bildraum der Wirklichkeit (Hg., 1997) und Kunst/Kino (Hg., 2001).

Thomas Y. Levin
Anxious Omniscience: Surveillance as Narrative Form
Sa, 28.02.04, 19.30 Uhr
Das Aufkommen sowohl des Fernsehens (besonders die Bedingungen der so genannten Live-Sendungen) als auch neuer Techniken der Überwachung in den 60er Jahren führte zu dem, was man eine neue Dynamik eines Expanded Cinema innerhalb der Grenzen der Erzählformen des klassischen Hollywoodkinos selbst nennen könnte. Dieser intermediale Agon wird beispielhaft von Fritz Langs letztem Film Die 1000 Augen des Dr. Mabuse (1960) vorgeführt. Dieser Film, so meine These, ist visionär in seiner Umwandlung eines narrativen Raums in eine architektonische Installation, in der in Echtzeit Observation stattfinden kann, eine Tendenz, die angesichts der aktuellen Faszination für Überwachung als narrativer Logik generell zunimmt.
Thomas Y. Levin ist Kulturwissenschaftler und Medientheoretiker, lehrt an der Princeton University, lebt in New York. Aufsätze über Film und Medientheorie in ihrem Verhältnis zur Kunstgeschichte erschienen u.a. in Grey Room, October, Parkett, New German Critique, Texte zur Kunst. Er veröffentlichte mehrere Bücher zum Werk Kracauers und ist Kurator der Ausstellung CRTL Space. Rhetorics of Surveillance from Bentham to Big Brother (ZKM, Karlsruhe 2001).

Sabeth Buchmann
Freizeit 73
So, 29.02.04, 14.00 Uhr
Zu einem Zeitpunkt, als die Überschneidung von Jugend- und Populärkultur, Protest- und sozialen Bewegungen und elektronischen Massenmedien eine kulturell übergreifende  Revolution im Bereich der sozialen Kommunikation verhieß, entwirft der brasilianische Künstler Hélio Oiticica (1937-80), zumeist in Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Neville D’Almeida, seine 'Quasi-Cinemas’ - installative Kombinationen aus Diaprojektionen und Soundtrack. Sie entwickeln Oiticicas Ende der Sechzigerjahre entstandenen partizipativen Objekte und Environments weiter, die - wie im Fall von Tropicália - den avantgardistischen Traum einer reziproken Entgrenzung von Kunst und Lebens(-Alltag) in Beziehung zu den Erfahrungsweisen der Favela-BewohnerInnen Rio de Janeiros setzt. Vor diesem Hintergrund kann deutlich werden, dass die von Jack Smith und Andy Warhol inspirierten Quasi-Cinemas keineswegs als Ausdruck eines Glaubens an machtfreie, widerspruchsbereinigte Wahrnehmungsweisen und Kommunikationsräume begriffen werden können. Die Idee der 'Creleisure' postulierend - eine Mischung aus 'Kreativität“ und 'Muße' - stellt Oiticica die (Dis-)Kontinuitäten von (Homo-)Sexualität, Hippie-Kultur, Minorität, (Drogen-)Exzess in einen Zusammenhang mit der herrschenden Ökonomie. Wie ich vor allem anhand der in X-Screen neu eingerichteten Installation CC5 Hendrix-War (1973) argumentieren möchte, erhellen die Quasi-Cinemas den Blick auf die unausgesetzte Spannung zwischen der kritischen Negativität der (Neo-)Avantgarde und der (politischen) Ästhetik der Positivität, wie sie avantgarde-kritischen künstlerischen Haltungen zugeschrieben wird.
Sabeth Buchmann ist Kunsthistorikerin und -kritikerin. Regelmäßige Veröffentlichungen, u.a. in der der Zeitschrift 'Texte zur Kunst'; Dissertation über die Bedeutung neuer Technologien für die Neubewertung des Produktionsbegriffs in konzeptueller Kunst (erscheint demnächst). Seit 1997 Lehraufträge an verschiedenen Akademien und Universitäten. Ab März 2004 Professorin für Kunstgeschichte an der Akademie der bildenden Künste, Wien.

David Joselit
Tuning Out: Psychodelia and Revolution
So, 29.02.04, 15.00 Uhr
Wenn es stimmt, dass, wie T.J. Clark meint, eine politische Revolution 'einer Revolution des Zeichens' entspricht, dann stellt sich die Frage, wie wir uns eine Revolution in einer Zeit wie der unsrigen vorstellen können, wo das Zeichen eng mit der Ware verbunden ist, wenn es nicht sogar ganz mit ihr identisch ist? Dieser Vortrag wird sich einer historischen Antwort auf diese Frage widmen, indem er die Wirksamkeit bestimmter Tendenzen in der amerikanischen psychedelischen Bewegung untersucht, das Objekt selbst verschwinden zu lassen, und zwar durch Bewusstseinsveränderungen, die jeweils chemische, wirtschaftliche und medienbedingte Grundlagen hatten. Folgender Frage wird nachgegangen: Kann eine Revolution des Bewusstseins, die vor allem im Reich der Freizeit und des Konsums stattfindet, wirklich als eine politische angesehen werden?
David Joselit ist Professor am Institut für Kunstgeschicht an der Yale University. Er schreibt regelmäßig über Gegenwartskunst und Medienkultur. Publikationen: Infinite Regress: Marcel Duchamp 1910-1941 (MIT Press, 1998),  American Art Since 1945 (Thames and Hudson, World of Art Series, 2003) Sein aktuelles Buchprojekt beschäftigt sich mit Feedback: Art and Politics in the Age of Television.


Juliane Rebentisch
Kunst und Medium
So 29.02.04, 16.30 Uhr
Spätestens 1970 hat die Kunst eine Schwelle erreicht, nach der alles erlaubt zu sein scheint. Offensichtlich verweigert die Kunst der letzten drei bis vier Dekaden auf breiter Front die Anleitung durch die Kategorien der modernistischen Kunsttheorie. So greifen etwa die vielen intermedialen Produktionen heute nicht nur die konventionelle Einteilung der Kunst nach Künsten an, sondern zugleich auch einen Kunstbegriff, der an die je besonderen Traditionen der einzelnen Künste gebunden ist. Im Zentrum dieses die ästhetische Moderne bestimmenden Kunstbegriffs steht die Annahme, dass die technisch hoch spezialisierte und historisch informierte Auseinandersetzung mit den Spezifika des je einzelnen ästhetischen Mediums für die Produktion autonomer Kunst unverzichtbar ist. Bedroht wird diese Annahme nun nicht nur dadurch, dass zunehmend unterschiedliche ästhetische Medien in einzelne Werke eingehen oder mit neuen technischen verbunden werden. Bedroht wird diese Annahme vielmehr auch - und grundsätzlicher noch - durch die Duchampsche Provokation, derzufolge der Begriff von Kunst überhaupt nicht an spezifischen Medien und korrespondierenden Kunstfertigkeiten hängt. Über die intermedial hybride, industriell gefertigte oder ready made aufgefundene Kunst nach 1970 ist der modernistische Diskurs denn auch so in die Krise geraten, dass seine VertreterInnen die Unangemessenheit ihrer Argumentation an zeitgenössische Phänomene auch durch verbitterte Verfallsdiagnosen nur mehr schlecht als recht verdecken können. In derartigen Krisen liegt nämlich bekanntermaßen der Hinweis darauf, dass der Zeitpunkt für einen Paradigmenwechsel gekommen ist. Entsprechend häufig ist ein solcher in den kunstkritischen und -theoretischen Diskussionen um die ästhetische Postmoderne denn auch ausgerufen worden. Die dabei bis heute zu diskutierende Frage aber ist die, wie das neue Paradigma sowohl in bezug auf den Begriff von Kunst als auch in bezug auf den Status des Mediums genau auszubuchstabieren wäre.
Juliane Rebentisch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Potsdam. Von ihr ist kürzlich erschienen: Ästhetik der Installation, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003.