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The Corporate Alternative

Tagung organisiert mit Pablo Larios (frieze d/e)

Donnerstag, 04. Februar 2016

Wie verhalten sich unternehmerische und alternative Praxen heute zueinander – sei es in Sachen Branding, im Hinblick auf künstlerische Ansätze oder gemeinschafts-bildende Anstrengungen? Und was ist eigentlich „die unternehmerische Alternative“?

Im Gegensatz zu den vielen in der aktuellen mumok Ausstellung to expose, to show, to demonstrate, inform, to offer. Künstlerische Praktiken um 1990 vertretenen Künstler_innen und Initiativen – für die Kritik, Selbstorganisation und Widerständigkeit gemeinsame Bezugspunkte für eine positive Ästhetik und eine theoretische Weiterentwicklung darstellten – sind die Teilnehmer_innen dieser Tagung wahrscheinlich mit einem eher hybriden/schizoiden Verhältnis zu Ideen des Alternativen aufgewachsen.

Manchmal – wir sind ja schließlich „Digital Natives“ – erschienen uns widerständige, avantgardistische oder selbstorganisierte Mikrogemeinschaften nicht mehr als ästhetisch erstrebenwert, wenn nicht unmöglich; die totale Anpassung an ein unternehmerisches Denken war aber ebenso keine Option. Bisweilen wurde Widerständigkeit müde belächelt. Man denke nur an den „coolen“ Vater, der in der Punkkneipe am Tresen sitzt. Da war die unternehmerische Variante vorzuziehen: Sie bot Beständigkeit, klare Grenzen und das (gekaufte, angestrebte) Versprechen des Fortkommens. „We don’t listen to indie – we listen to Top 40“, sagte mir ein Künstler 2011 bei einem Besuch im Studio – der Widerhall von Margaret Thatcher’s Slogan: „there is no alternative“.

Zur gleichen Zeit rekrutierten Unternehmen – nachdem in den Jahren nach 2008 diverse Reformen gescheitert waren – immer jüngere „Coolhunter“, um Insiderwissen aus authentischen Jugendkulturen abzuschöpfen. Wer konnte sich da leisten, nein zu sagen? Oder ja?

Einige fanden Zuflucht in den verkümmerten Strukturen des europäischen Kunstnetzwerks (so lange es noch erhalten bleibt). Andere wiederum schlugen Kapitel aus ihrer Jugend, verkauften sie unter dem Deckmantel eines Generationenwechsels à la 89+. Egal, ob als langfristige Verarsche oder kurzfristige Chance, wir sahen vielen beim Rückzug in eine neue, gutbürgerliche Bohème zu. Einst Befreiungsversprechen der „unabhängigen Kreativen“, ist Freelancen heute zum Zwang geworden, sich selbst als sein Werk zu präsentieren, sich als glückliche_r Prosumer_in jede wache Minute fröhlich von Projekt zu Projekt zu hangeln. Die_der Künstler_in als Entrepeneur_in – wenn man es überhaupt so weit schafft.

Kurz gesagt: Wir sind Teil des Lumpenprekariats, einer kreativen Klasse, der es sogar lästig ist, sich selbst als solche zu bezeichnen. Und auch wenn diese Fragen schon seit einer Weile immer wieder durchgekaut werden, hat sich der Kontext mittlerweile ja schon wieder soweit geändert, dass eine Neubewertung ansteht. Was kommt nach „mass indie“ (K-Hole)? Wir alle machen einfach, was wir halt so machen – aber was machen wir als nächstes?

Ironischerweise erstarren die aktivistischen Initiativen der 1990er-Jahre heute in der Verteidigung ihres Territoriums und kanonisieren sich selbst. Wer kann heute noch für so eine Sache, so eine Geschichte sprechen?
Und wen interessiert’s?

Entgegen nachträglicher kuratorischer und kanonischer Projekte entlang der Frage, wer dabei ist oder war und wer nicht (und die sich dabei mit den strukturellen Ein- und Ausschlussmechanismen der Communities, denen sie zugehören, auseinandersetzen müssen), habe ich bei dieser Tagung bewusst auf Ausschluss gesetzt. Sowohl im Hinblick auf das Gebiet, auf Geografie und auch im Sinne der Generationszugehörigkeit haben die Teilnehmer_innen und ich wenig mit den Künstler_innen in der Ausstellung gemein. Das befreit uns von der Last, uns selbst durch die Brille unserer (Zieh-)Eltern zu betrachten zu müssen. Ob es sich dabei aber nun um ödipale Blindheit, um einfachen Solipsismus oder die liebevolle Strenge von Außenseitern handelt, weiß ich nicht. Ich kann nur für mich selbst sprechen. (Pablo Larios)

Teilnehmer_innen: Jesse Darling, Calla Henkel und Max Pitegoff, Pablo Larios,
Huw Lemmey, Emily Segal.

Konzipiert von Pablo Larios, frieze d/e