Piero Manzoni
Im Sommer 1962 hält sich der italienische Künstler Piero Manzoni im Zuge einer Reise durch einige europäische Länder auch in Deutschland (Glücksburg) auf, wo er gemeinsam mit seinem Freund und Verleger Jes Petersen das Buch Piero Manzoni - the life and the works konzipiert.
Die Publikation besteht aus 100 weißen unbeschriebenen Seiten, nur der Einband ist mit dem Titel bedruckt.
Eine vergleichbare Ausgabe (siehe Abb.) wird 1963 mit transparenten Plastikseiten, die durch eine Plastikschiene zusammengehalten werden, realisiert; 1969 erscheint dazu eine zweite unveränderte Auflage.
Das (Konzept)Buch steht in engem Kontext zu Manzonis Kunstwerken der späten 1950er und frühen1960er Jahre.
In Piero Manzonis Schaffen tritt ab 1957, angeregt durch den Besuch einer Ausstellung von Kunstwerken Yves Kleins, eine entscheidende Wende ein. Es entstehen die ersten als Achrome betitelten Werke - unbemalte, durch den Auftrag von Gips strukturierte Leinwände.
Manzoni, der gegen jede Tradition in der Malerei eintritt, experimentiert mit neuen Werkstoffen, verwendet u.a. transparente Kunststoffe und setzt Materialien ein, die im Allgemeinen als nicht kunstwürdig angesehen werden.
Manzoni befreit die Fläche aus ihrer räumlichen Enge und thematisiert die künstlerische Entdeckung des imaginären, unbegrenzten Raumes.
Während eines Ausstellungsaufbaus im Stedelijk Museum in Amsterdam im Jahr 1962 entwirft Manzoni einige Projektideen, die allerdings nicht verwirklicht werden. Darunter auch der Plan, den Eingang eines Saales zuzunageln und davor ein Schild mit dem Satz 'in diesem Saal ist der Geist des Künstlers' anzubringen – ein gedankliches Experiment, mittels physischer Leere die Immaterialisierung von Kunst sichtbar zu machen.
Eine vergleichbare Auflösung des Kunstbegriffs erreicht Manzoni in seinem Buch life and works, das auch einen Höhepunkt seiner konzeptuellen Arbeit darstellt.
Die transparenten und unbedruckten Plastikseiten machen den völligen Verzicht des Künstlers auf jegliche inhaltliche Bild/Textgestaltung deutlich und weisen gleichzeitig Manzonis eigenes 'unbeschreiblich ungeschriebenes' Leben als Kunstwerk aus.
Piero Manzoni, Wegbereiter der Konzeptkunst, stirbt im Februar 1963 im Alter von erst 30 Jahren, sein Buch life and works erscheint bald darauf posthum.
(Referenz: Germano Celant, Piero Manzoni, Catalogo Generale, Prearo Editore, Mailand, 1975, S. 299 und Fröhliche Wissenschaft, s. 63) Manzoni, Städtisches Museum Mönchengladbach, 26. Nov. 1969 bis 4. Jan. 1970
Im Jahr 1967 übernimmt der Ausstellungsmacher und Kunstredakteur Johannes Cladders für 18 Jahre die Leitung des Städtischen Kunstmuseums in Mönchengladbach.
Cladders gilt als Wegbereiter für Künstler wie Joseph Beuys, George Brecht, Robert Filliou und andere heute bekannte Größen der Kunstszene. In den Jahren 1967–1978 begleiten 33 sogenannte Kassettenkataloge, individuelle, meist vom Künstler selbst gestaltete Katalogschachteln, die von Cladders konzipierten Ausstellungen.
Von November 1969 bis Jänner 1970 wird das Werk des 1963 jung verstorbenen Konzeptkünstlers Piero Manzoni gezeigt.
Der Kassettenkatalog zur Ausstellung hat die Form einer Klarsicht-Plastikschachtel mit je vier runden Einbuchtungen auf dem Boden und dem Deckel der Schachtel. Die Publikation erscheint in einer Auflage von 440 nummerierten Exemplaren.
Die von Cladders konzipierte Box zitiert Manzonis Werk. In der Schachtel befindet sich der 'eigentliche' Katalog, ein Büchlein, bestehend aus 16 Blatt mit SW-Abbildungen, einem Text von Udo Kultermann, der die Bedeutung Manzonis für die 'Konzeptkunst' schon früh erkannte, einem kurzen Beitrag von Johannes Cladders und einem Essay aus dem Jahr 1962, in dem Manzoni selbst Gedanken über 'einige Realisationen, einige Experimente' und 'einige Projekte' formuliert.
Der Kassettenkatalog Manzoni ist einer von insgesamt 20 im Besitz der Bibliothek mumok befindlichen Katalogschachteln aus der Mönchengladbach-Ausstellungs-Serie.
