Musik zum Lesen

Ein gängiger Irrglaube über die Ursprünge der Pop(ulären)-Musik ist, dass sie erst mit der Erfindung von Schallplatte und Radio ihren Anfang genommen hätte. Die Geschichte der Popmusik – begreift man sie als von einer industriellen Produktion versorgter und von Konsument/innen getragener Markt - begann mit der massenhaften technischen Reproduzierbarkeit von Partituren durch die Erfindung der Lithographie im 19. Jahrhundert. Die Verbreitung in die Haushalte und Konzertsäle fand also zuerst in den Köpfen von Notenschrift-kundigen Leser/innen statt. Diesem Umstand trugen einige Komponist/innen des 20. Jahrhunderts Rechnung, indem sie einerseits Musik 'für den Kopf' entwarfen, andererseits das Schreiben der Partitur zu einem kreativen Akt an sich machten.

Im 1952 in Woodstock, N.Y., vom Pianisten David Tudor uraufgeführten Musikstück des Avantgarde-Komponisten John Cage ist über die ganze im Titel angezeigte Dauer von 4’33’’ kein Ton zu hören (umso mehr aber alle Kontextgeräusche des Konzertsaales). Dennoch hatte die Komposition 3 Sätze, die vom Interpreten 1952 durch das Schließen und Öffnen des Klavierdeckels markiert wurden. Dieser minimale Eingriff in den Zeitablauf ist ebenso in zwei unterschiedlichen, erst Anfang der 1960er – also nachträglich – bei Henmar Press / Edition Peters publizierten Partituren zum Stück verzeichnet, die beide in der mumok Bibliothek eingesehen werden können. Die vermutlich anlässlich der Uraufführung als Geburtstagsgeschenk für den bildenden Künstler Irwin Kremen notierte 'Original Version' ist dabei die zweite in der Edition Peters erschienene Fassung. Sie besteht aus 5 losen Bögen in einer etwa A3-großen Mappe. Die einzelnen Sätze sind mit seitenbreiten horizontalen Linien mit winzigen Zeit- und Metrum-Angaben verzeichnet. Ohne Seitenangaben bleibt dabei unklar, in welcher Reihenfolge, die Bögen zu lesen sind, ob sie umgeblättert werden müssen, oder nebeneinandergelegt als Gesamtkomposition wahrzunehmen sind. Noch vor dieser Fassung wurde die sogenannte TACET -Version bei Edition Peters publiziert. Neben einer Konzepterläuterung besteht die Partitur nur aus einer weiteren Seite, auf der drei Mal das lateinische Verb 'TACET' = 'Er/Sie/Es schweigt' steht. Die römischen Ziffern I bis III trennen die Zeilen voneinander und geben wieder den Umstand an, dass bei aller Gleichförmigkeit des Klangmaterials doch drei Einschnitte vorgesehen sind. Cage verweist so ein weiteres Mal darauf hin, dass eine maßgebliche Leistung von Musik die Strukturierung von Zeit ist.

John Cage hat in mehreren seiner graphischen Partituren und z.B. auch in einem Marcel Duchamp gewidmenten Kunstwerk mit Transparenz gearbeitet. So besteht etwa seine Partitur Variations II. For any Number of Players and Any Sound Producing Means aus drei Transparentfolien, die – auseinander geschnitten – sechs Blätter mit Linien und fünf mit Punkten ergeben. Ein Konzepttext erläutert, wie mit diesen Instrumentarien zu verfahren ist. Der oder die Ausführende kann die Folien in beliebiger Anordnung auf- und übereinander legen. Die Entfernungen der Punkte zu den Linien werden gemessen. Die resultierenden Daten werden in Parameter wie Tonhöhe, Lautstärke, Klangfarbe, Dauer und Einsatzzeitpunkt des Klangereignisse umgesetzt.Wenn Fragen aufkommen sollten, betont das Konzept, stelle man diese Fragen so, dass sie durchs Abmessen beantwortet werden können. Die Zufall und strenge Geometrie kombinierende Notationsmethode minimiert somit die Verfügungsgewalt des Komponisten über das endgültig erklingende Werk und wertet gleichzeitig die Rolle des/der Interpreten/in entscheidend auf.

Die Verbindung von Hören und Sehen beschäftigt Ende der 1970er Jahre auch die bildende Kunst. In der Nachfolge der Experimente des Komponisten John Cage mit der 'Strukturierung von Geräuschen durch optische Elemente' wird es möglich, Musik in Ausstellungen zu präsentieren. 1975 stellt die Städtische Kunsthalle Düsseldorf 'Objekte und Konzerte zur visuellen Musik der 60er Jahre' aus. Nach eine einleitenden Hommage an John Cage werden der für seinen Körpereinsatz bekannte Pianist Giuseppe Chiari, Nam June Paik, die Cellistin und Fluxus-Performerin Charlotte Moorman, sowie die Komponisten Mauricio Kagel und Dieter Schnebel, die in ihren Stücken gerne mit den sichtbaren Aspekten von Musik-Aufführung operieren, mit umfassenden Biblio- und Diskographien präsentiert. 1980 leistet die Ausstellung Für Augen und Ohren in der Akademie der Künste Berlin erstmals eine umfassende Darstellung der historischen Vorläufer – Musikinstrumentebauer und Erfinder – für die Experimente mit Bild und Ton der Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Die Kataloge zu beiden Ausstellungen sind in der MUMOK-Bibliothek zugänglich.