An Anthology
In den 60er Jahren gerät die Welt in Bewegung und die kulturelle Revolution macht auch vor dem Medium Buch nicht Halt. In erster Linie sind es bildende Künstler, die das Buch als Transportmittel von Ideen, Konzepten und Manifesten entdecken und es aus seinen genormten Strukturen befreien.
In den Büchern vermischen sich Literatur oft mit plastischen Buchexperimenten, mit Grafik, Malerei, Fotografie, Objektkunst, Collagen, mail art oder correspondence art. Manchmal … kommt die Klangmusik noch hinzu. … Zunächst noch als Verständigung der Künstler untereinander gedacht, entwickeln sich die Buchobjekte zunehmend zu einer eigenen Kunstform, die oft an die Traditionen der 1920er Jahre anknüpfte …
Diese Konzept- bzw. Künstlerbücher transportieren konkrete Ideen oder vermitteln einfach nur ästhetische Werte: man druckt auf farbige Seiten unterschiedlicher Papierqualität, es wird geklebt, Materialien werden eingelegt oder falten sich auf, manches Buch ist winzig klein, ein anderes kann recto/verso gelesen werden, ein weiteres erscheint als Rolle oder wird in eine Schachtel 'verpackt,' ein letztes zeigt sich mit völlig leeren Seiten … kurzum, das Buch geht eigene Wege.
An Anthology mit Zufalls-Konzepten Anti-Kunst bedeutungslosen Kunstwerken undeterminierter Improvisation natürlicher Pannen Aktionsplänen Geschichten Diagrammen Musik Poesie Essays Tanz Mathematik Kompositionen Konstruktionen von George Brecht, Claus Bremer, Earle Brown, Joseph Byrd, John Cage, David Degener, Walter De Maria, Hemry Ffynt, Yoko Ono, Dick Higgins, Toshi Ichiyanagi, Terry Riley, Diter Rot, Emmett Williams, Christian Wolff, La Monte Young.
Seit 1960 verfolgt der Künstler und Musiker La Monte Young die Idee, eine übergreifende Sammlung musikalischer, verbaler und 'anderer' Kunstwerke zusammenzutragen.
Er wendet sich mit großem Sammeleifer an Menschen, die seiner Meinung nach 'neue' Kunst machten, und bittet um Beiträge.
Seine lose Sammlung der erhaltenen Antworten wird bald unter den jungen Künstlern der New Yorker Avantgarde bekannt.
Allen voran begeistert sich George Maciunas, Mitbegründer der Fluxus-Bewegung, Herausgeber diverser Fluxus-Editionen und Mitbetreiber der AG-Galerie in New York, für die Materialien, die er gerne veröffentlichen würde.
La Montes persönliche Kollektion stellt somit die Grundlage für die später unter dem Titel An Anthology realisierte Publikation her.
Bis zur Veröffentlichung in Buchform sollte es allerdings - unter kollektivem Einsatz George Maciunas’, La Monte Youngs und Jackson Mac Lows – noch einige Zeit dauern.
Permanente Geldnöte verzögern das Projekt immer wieder. Auf der Suche nach Geldquellen verkauft Maciunas, um die Anzahlung für die Druckkosten leisten zu können, sogar seine Schreibmaschine.
Doch auch die Kooperation mit der Druckerei stellt sich als problematisch heraus. Der Drucker, der bisher nur Einladungskarten produzierte, hat keinerlei Erfahrung mit der Herstellung kompletter Bücher.
Ausgerechnet zum Zeitpunkt, als das Design für die Anthology weitgehend druckreif ist, 'flieht' Maciunas nach Deutschland. Der Freundeskreis vermutet den Grund für sein überraschendes Verschwinden im Winter 1961/62 im ständig wachsenden Schuldenberg, den Maciunas u.a. durch die Pleite der AG Galerie verursacht hatte.
Ab nun übernehmen La Monte Young und Jackson Mac Low die Aufgabe, die Anthologie fertig zu stellen. Durch ihren unermüdlichen Einsatz als Mitverleger und Herausgeber sowie durch die Veranstaltung zweier Flux-Konzerte zugunsten der Publikation kommt schließlich die Finanzierung zustande.
Auch Maciunas gelingt es in Deutschland Geld aufzutreiben und schickt den finalen Entwurf für die Titelseite.
Als schließlich alle Einzelblätter gedruckt sind, organisiert Jackson Mac Low Partys, auf denen er die Gäste bittet, die einzelnen Seiten zu einem Ganzen zusammenzustellen. Im Mai 1963, am sog. YAM-Day (11. und 12. Mai) erscheint An Anthology endlich in ihrer ersten Auflage.
Eine zweite, weitgehend unveränderte Auflage, die das mumok besitzt, wird 1970 von Heiner Friedrich in München herausgegeben.
Die Publikation An Anthology ist ein repräsentatives Beispiel für die Zusammenführung von Literatur, Musik und Bildender Kunst, zugleich die erste Sammlung und Veröffentlichung von Manifesten zur Fluxusbewegung. Der vor allem auf George Maciunas zurückzuführende Graphikstil übt Vorbildwirkung auf die Entstehung weiterer Fluxus-Editionen der 1960er Jahre aus. Heute gilt diese Publikation als die einflussreichste multimediale Anthologie dieser Zeit.


